NZZ am Sonntag, 25.01.2004

Ein Kampf um Leben und Tod

Peter Baumann, der umstrittenste Sterbehelfer der Schweiz, steht vor der Anklage: Beihilfe zum Suizid aus selbstsüchtigen Motiven.

Von Michael Marti

Ein heller Parkettboden, ein weisses Büchergestell, mitten im Raum ein grosser roter Sitzball, daneben eine Matratze, bedeckt von einer Wolldecke. Vor dem Büchergestell zwei blaue Sessel: einen für den Psychiater, einen für den Klienten. Der Praxisraum an der Feldeggstrasse in Zürich ist eingerichtet, wie Praxisräume von Psychiatern eben eingerichtet sind. Aussergewöhnlich allenfalls das Büchergestell - die Regale sind leer: kein Freud, kein Adler, kein Jung, kein Zeugnis der Urväter derjenigen Disziplin, welche die seelischen Nöte der Menschen zu lindern verspricht. Dafür eine Videokamera neben dem Bücherregal, sie steht in der Ecke, aufgepflanzt auf einem metallenen Stativ.

Üblicherweise suchen die Menschen in den Behandlungszimmern von Psychiatern Rat und Hilfe, um ihrem Leben wieder Sinn abzugewinnen, vielleicht hoffen sie sogar auf Freude am Dasein. Anders aber eine gewisse Heidi T.: Sie rollte vor eineinhalb Jahren, im Rollstuhl sitzend, in diesen Raum im Zürcher Seefeldquartier, weil sie ihrem Leben schnellstmöglich ein Ende setzen wollte. Sie wurde in ihrem letzten Wunsch nicht enttäuscht: Nach einer unauffälligen Existenz starb sie 60- jährig einen aufsehenerregenden Tod, vor einer Fernsehkamera des hiesigen öffentlichrechtlichen Fernsehens, unter einem transparenten Plasticsack, den sie sich über den Kopf gezogen hatte, um am Abend des zweiten Novembertages 2002 zu ersticken.

Peter Baumann, der Psychiater, hat ihr dabei zugesehen. Er hat ihr geholfen, sich zu töten. Er hielt ihre Hand.
Baumann, er ist ein mittelgrosser und schmaler Mann, sitzt in dem Sessel, der auf der Fensterseite des Praxisraumes steht, er schaukelt darin, nach vorne, dann wieder nach hinten. Seine Augen blicken durch eine feine goldgerahmte Brille, er trägt eine dunkelrote Hose und einen grauen Wollpullover. Das Haar ist glatt und gescheitelt, der Bart sorgfältig getrimmt. Während er spricht, wiegt sich der Psychiater im Sessel hin und her, als ob er so besser sprechen könnte. Ab und zu rutschen ihm die Hosenstösse nach oben, man sieht die bleiche Haut der Unterschenkel. Die Füsse stecken in grob gestrickten Socken und in Haus- Sandalen.
Es gibt Leute, die Baumann für einen Sadisten halten, die ihn verdächtigen, ein Verbrecher zu sein. Andere finden sein Tun schlicht widerlich.
"Sie starb rasch und ruhig, ohne Qualen", sagt Baumann. "Ich sass ganz nahe neben Frau T. Dieser Tod war wunderschön."

Suizid und Schock

Psychiater Baumann, hierzulande zweifellos der umstrittenste Vertreter seines Berufsstandes, erweckt nicht den Eindruck, dass ihn die Aussicht, bald im Gefängnis zu sitzen, beunruhigen würde. In den nächsten Wochen, eventuell noch diesen Februar wird die Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt nach eigener Auskunft gegen Baumann Anklage erheben - sie wird nach einer fast dreijährigen Strafuntersuchung mit grosser Wahrscheinlichkeit lauten: Beihilfe zum Suizid aus selbstsüchtigen Motiven in drei Fällen; eventuell hat sich der Sterbehelfer auch wegen vorsätzlicher Tötung zu verantworten.

Baumann drohen lange Jahre im Gefängnis, und das mit 68, einem Alter, in dem sich andere auf Senioren-Kreuzfahrten begeben. Doch eigenartigerweise vermittelt dieser auf dem Sessel herumrutschende Mann den Eindruck, in seinem Leben und Tun exakt dort angekommen zu sein, wo er immer hin wollte. Er hat das alles gesucht: das Kräftemessen mit der Justiz, dem Staat.

Am 2. November 2002, es war ein nasser und kalter Samstag, erreichte Kriminalkommissär Markus Melzl, 52, um 20 Uhr 15 die Wohnung an der Basler General-Guisan-Strasse, in der sich einige Minuten zuvor Heidi T. mit der Hilfe ihres Psychiaters das Leben genommen hatte. Baumann hatte zu diesem Zeitpunkt die Wohnung bereits verlassen, sein Auftrag war erledigt, er fuhr auf der A"3 zurück nach Zürich. Kriminalkommissär Melzl traf auf die Tote, sie lag im Bett, der Plasticsack war bereits entfernt, sowie auf eine Bekannte der Suizidantin und auf einen Mitarbeiter der "Rundschau". Der Journalist hatte auf den Wunsch Baumanns und mit der Einwilligung der seit Jahren linksseitig gelähmten und unter einer schweren Depression leidenden Frau - sie hatte mehrmals erfolglos versucht, sich selbst zu töten - den ganzen Tag über gefilmt. Die Ausstrahlung dieser Bilder sollte zweieinhalb Monate später, am 15. Januar 2003, dem Schweizer Volk einen unvergesslichen Fernsehabend bescheren ("Basler Zeitung": "Die Nation war geschockt"). Baumann erfreut sich seither landesweiter Bekanntheit.

Melzl beschlagnahmte noch am Tatort das Filmmaterial des Journalisten, um es, zurückgekehrt ins Hauptgebäude der Staatsanwaltschaft an der Binningerstrasse, zu sichten. Es war wenige Minuten vor Mitternacht, als die Basler Justiz gegen Baumann eine Strafuntersuchung einleitete.

Tim und Struppi

Kommissär Melzl ist ein 1,90 Meter grosser Mann, sein Haar ist kurz geschnitten und mit viel Gel frisiert. In Melzls Büro hängt an der Wand ein grosser Poster, er zeigt eine Szene aus einem Comic: Im Vordergrund ist ein Mann mit grimmiger Miene zu sehen, zweifelsfrei ein Bösewicht, im Hintergrund erkennt man Tim und Struppi, geduckt an eine Hausmauer, den Ganoven verfolgend. Das Bild ist sehr gross und in einem Holzrahmen gefasst.
Melzl sagt von sich, er sei ein zuversichtlicher Mensch, er glaube an den Sieg des Guten über das Böse. Melzl sieht sich ausserstande, einen Freitod im Plasticsack als "wunderschön" zu empfinden - so wie sich jeder Optimist ein besseres Ende vorstellen kann.

Melzl ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern auch Öffentlichkeitsbeauftragter der Staatsanwaltschaft von Basel-Stadt, derjenigen Justizbehörde, die seit bald drei Jahren die entschlossene Gegenspielerin Baumanns ist. Als Kriminalist ist es Melzls Aufgabe, bei der Beurteilung der Taten seiner Mitmenschen auch von den niedrigsten Motiven auszugehen: "Es scheint uns", sagt Melzl, "dass Herr Dr. Baumann diese Dinge nicht aus Mitleid tut, sondern aus Eigeninteresse. Er will seinen Ansichten über die Sterbehilfe zum Durchbruch verhelfen." Die Richter werden also beurteilen müssen, ob Baumann Suizide wie den von Heidi T. gewissermassen für seine politischen Absichten instrumentalisiert hat.

Baumann ist ein Extremist. Er ist der Extremist in der Sterbehilfe- Szene, weil er weiter geht, als es bisher die anderen Suizid- Organisationen Exit und Dignitas für nötig befunden oder gewagt haben. Baumann verhalf Menschen zum Tod, die nicht an einer tödlichen Krankheit litten, die nicht hätten sterben müssen. Denn Baumann fordert, dass auch Psychischkranke, depressive Menschen wie eine Heidi T., Unterstützung in Anspruch nehmen können, wenn sie einen Anschlag auf ihr eigenes Leben ausführen. Der Zürcher Psychiater marschiert damit geradewegs in ein ideologisches Minenfeld, wo sich Experten darüber streiten, ob seelisch kranke Menschen überhaupt urteilsfähig seien, ob vor allem Depressive über ihr eigenes Sein oder Nichtsein autonom entscheiden dürfen. Die Mehrzahl der Fachleute meint Nein.

Zudem verfolgen Baumann und die verschworene Schar seiner Anhänger - sein Verein Suizidhilfe zählt 150 Mitglieder - das Ziel, "das Wissen um Suizidmethoden zu entwickeln, die kein ärztliches Rezept voraussetzen, sondern jedem zur Verfügung stehen"; so steht es in den Statuten. Den Tod von Heidi T. - sie atmete unter dem Plasticsack Heliumgas ein, das einen tödlichen Sauerstoffentzug bewirkte - muss man als Testlauf sehen in der Entwicklung frei zugänglicher Selbsttötungstechniken made by Baumann.

Ein grosses Dankeschön

Beinahe das identische Vorgehen hat der Psychiater einem 45-jährigen Zwangsneurotiker beliebt gemacht, der sich im April 2001 ebenfalls in Basel das Leben nahm. Baumann war dort, er sass am Sterbebett. Baumann half. Und er dokumentierte den Exitus mit seiner Videokamera. Der Zwangsneurotiker starb, so viel steht fest, keineswegs einen wunderschönen Tod: Den Kopf im Plasticsack, schreckte er nach Minuten aus einer Lachgas-Narkose auf, erstickte erst im zweiten Anlauf. Das Lachgas stammte aus Rahmbläser-Patronen, gekauft in der Migros - die zu geringe Dosis war Grund für die missglückte Betäubung. Baumann empfiehlt jetzt Helium.

Weshalb diese Experimente? Wozu das alles?
In der Schweiz legen jedes Jahr rund 1300 Menschen Hand an sich, immerhin 95 Prozent schaffen dies ohne fremde Hilfe. Nur 5 Prozent der Lebensmüden beanspruchen die Dienste von Sterbehelfern; diese müssen nicht mit einer Strafverfolgung rechnen, wenn sie nicht aus eigennützigen Motiven handeln. Ein sterbenskranker Mensch findet in der Regel immer einen Arzt, der ihm ein Barbiturat in letaler Dosis verschreibt, um ein Leiden ohne Sinn zu verhindern. Die Schweiz hat in Europa den Ruf eines Sterbe-Mekkas, sie ist Fluchtpunkt eines makabren Suizid-Tourismus; vor allem die Sterbehilfe-Organisation Dignitas (3700 Mitglieder, davon mehr als die Hälfte ausländische) bietet ihre Dienste auch Nichtschweizern an. Es sind, wie bei Exit (60"000 Mitglieder), Dienstleistungen, die Laien leisten: Lehrer, Hausfrauen, Unternehmer, Pflegerinnen, Handwerker. Diese Leute fühlen sich dazu berufen, in ihrer Freizeit Mitmenschen vom Leben zum Tod zu verhelfen. Sie tun es oft genug mit einer Hingabe, die man ansonsten von religiösen Eiferern kennt. Man sollte meinen, in der Schweiz werde genug für den Freitod lobbyiert.

Nicht so Baumann. Er will, dass Suizidhilfe für urteilsfähige psychisch Kranke so normal wird, wie sie heute bei todgeweihten Krebspatienten ist. "Das ist sozusagen meine Spende an die Gesellschaft, sozusagen mein Dank, dass man mich während vierzig Jahren arbeiten liess." Baumann rutscht wieder auf seinem Sessel hin und her. "Kommt es nicht zum Freispruch, wird das Bundesgericht die nötige Gesetzesinterpretation leisten - der Rechtsstaat wird davon profitieren."

Ob eine Heidi T. ihren Hinschied als Teil einer Spende betrachtet hat, ob der 45-jährige Zwangsneurotiker, der seinen Erstickungstod ohne ausreichende Narkose starb, auch in diesen grandiosen Dimensionen dachte, ist schwierig zu sagen. Man kann sie genauso wenig fragen wie einen dritten Toten, dem Baumann, das behauptet die Staatsanwaltschaft, Suizidhilfe geleistet haben soll: den Mann, Jahrgang 1922, den am 16. Januar 2003 Angestellte des Luzerner Hotels Monopol gegen Mittag in seinem Zimmer fanden. Er lag im Bett, sein Kopf steckte in einem Kehrichtsack. Die Polizei fand darauf Baumanns Fingerabdrücke.

Zwei Tage später, am 18. Januar, wurde Baumann verhaftet; er kam in Untersuchungshaft. Bis heute bestreitet er, mit dem Suizid des 81- Jährigen etwas zu tun zu haben. Allerdings bestätigt seit kurzem ein zweites forensisches Gutachten den Fund seiner Fingerabdrücke auf dem Abfallsack.

Es muss für einen Charakter wie Baumann, der nur sich selber als Autorität zu anerkennen scheint, besonders unangenehm sein, hinter Gittern zu sitzen. Baumann spricht in einem Brief an seine Anhänger von einer "Demütigungs-, Einschüchterungs- und Willkürhaft", die er in Basel habe durchstehen müssen, von einer "kafkaesken Erfahrung" an einem "Ort der fortwährenden Verdächtigung". Und er spricht auch davon, dass ihm die Gefängniskost nicht schmeckte ("extrem ballaststoffarm, sehr wenig Salat und Früchte, Darmfäulnis fördernd"). Baumann mag die eigenen Kräfte überschätzt - oder diejenigen seiner Gegenspielerin, der Staatsmacht, unterschätzt - haben: Er sagt, er hätte sich im Gefängnis vielleicht umgebracht, wenn ihn nicht, wie er ausdrücklich betont, "sein ganzes soziales Umfeld, seine Familie, seine Frau, die drei erwachsenen Kinder" gestützt hätten.

Der Mensch Melzl

Melzls Kollegenschaft, die Basler Justiz, ging mit ihrem Gefangenen in der Tat nicht zimperlich um: Sie schickten den Psychiater zum Psychiater, um abzuklären, ob er irgendwelche kranke, sadistische Triebe in der Suizidbegleitung auslebe. Und sie entliessen ihn erst nach drei Monaten aus der Haft, nachdem er versichert hatte, bis zum Ende der Strafuntersuchung keine weitere Sterbehilfe mehr zu leisten. Kaum wieder in Freiheit, hinderte dies Baumann aber nicht daran, seinen Anhängern brieflich zu versprechen: "Ich werde wie vorher, nur mit stark vermehrtem Einsatz, an der öffentlichen Bewusstseinsbildung arbeiten."

Melzl, der Kriminalkommissär, der seine Büroarbeit unter den Augen der beiden Verbrechensbekämpfer Tim und Struppi erledigt, sagt: "Ich käme selbst mit einer noch so sozialen Ader nie auf die Idee, Sterbehilfe als Hobby zu betreiben." Dabei hat Melzl durchaus zeitgemässe Auffassungen über das Sterben und Sterbenlassen. Vor zwei Jahren verlor er den Vater: 81-jährig starb dieser im Spital, nachdem die Ärzte in Absprache mit der Familie auf lebenserhaltende Massnahmen verzichtet hatten. "Da war keine Exit zugegen, da war gar nichts", sagt Melzl. "Vater bekam Morphium, und alle liessen ihn in Frieden gehen."

Melzl kennt Baumann nur aus den Akten. Die beiden Männer hatten sich damals, am 2. November 2002, am Totenbett der Heidi T., um Minuten verfehlt, und sie standen sich auch während des Untersuchungsverfahrens nie gegenüber. Aber Melzl macht sich nicht nur als Kriminalist Gedanken über Baumann, sondern zuweilen auch als Mensch. Als Mensch, so drückt sich Melzl aus, komme es ihm vor, der Psychiater aus Zürich sei unheimlich auf das eine fixiert: "Tod. Tod. Tod. Etwas anderes kommt nicht in Frage." Melzl sagt: "45 ist kein Alter zum Sterben. Von diesem Zwangsneurotiker gibt es keine Krankengeschichte, er war nie in Behandlung." Der Mensch Melzl würde den Psychiater Baumann einige Dinge fragen, hätte er dazu die Gelegenheit. Zum Beispiel:
"Herr Baumann, warum sagten Sie zu dem Zwangsneurotiker nicht einfach: <Kommen Sie doch zu mir in eine Therapie>?"
"Weil er mich nicht darum gebeten hat. Er hat sich mit seinem freien Willen für den Tod entschieden. Und aus Gründen, die zutiefst eingeleuchtet haben. Hätte ich diesem Mann nicht geholfen, dann könnte ich vor mir selber nicht mehr geradestehen."
"Herr Baumann, wie kann man solch einen Entscheid verantworten?"
"Ein aufmerksamer Zuhörer merkt, ob bei jemandem der Entschluss zu sterben ein gefestigter Entschluss ist."
"Herr Bauman, warum diese Todesschiene? Was interessiert Sie daran?"
"Das Thema hat mich immer schon interessiert. Unendlich interessiert." Baumann spricht das Wort unendlich ganz langsam aus - um dann weiterzufahren: "Mich haben all diese Fragen beschäftigt: Ist Leben freiwillig? Gibt es ein Zwangsleben? Ist man jemandem verpflichtet, sein Leben zu leben? Den Eltern, den Kindern, dem Staat? Gott? Gibt es statt den bekannten schlechten Suizidtechniken bessere, quallose? Suizidtechniken, die auch Dritte, die Angehörigen weniger belasten? Früher stellte ich mir oft vor, wie ich mich umbringen würde - ich war allerdings nie suizidal. Früher dachte ich jeden Tag an diese Fragen. Meistens am Morgen, wenn ich durch den Wald zur Arbeit ging."

Und Melzl ist natürlich nicht der einzige Mensch, der sich fragt, wie man aus einem Engagement für den Tod Befriedigung ziehen kann. Wie nur?
"Warum macht jemand die Arbeit, die er macht?", gibt Baumann zurück. "Hoffentlich, weil sie ihn zufriedenstellt. Früher, als Vertrauensarzt von Exit, sah ich ein Leuchten in den Augen der Menschen, wenn sie erfuhren, dass ich ihnen helfe, das Barbiturat verschreibe. Für manche waren es segensreiche Gespräche. Diese Dankbarkeit möchte man wieder sehen."

LSD und Wilhelm Tell

Man kann Baumann nicht vorwerfen, dass er aus seiner Freundschaft mit dem Freitod je ein Geheimnis gemacht hätte. Am 18. August 1973, vor mehr als dreissig Jahren, erschien im "Tages-Anzeiger" ein eineinhalbseitiger Artikel mit dem Titel "Ist Leben freiwillig?", gezeichnet von Dr. med. Peter Baumann. Er war damals 38. Er hatte in Zürich zu praktizieren begonnen, er war ein nicht mehr ganz junger Psychiater, von dem es einige kritische öffentliche Interventionen zur Militärpsychiatrie gab, der sich auf Körpertherapie spezialisierte, Mitte der siebziger Jahre eine umstrittene Disziplin, und der sich später dann, mit der 1985 gegründeten Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, für den Einsatz von LSD in der Psychotherapie stark machen sollte.

Baumann, der Spezialist für Reizthemen. Es hat ihn immer schon dazu getrieben, die Grenzen auszuloten, er war immer schon für eine Provokation gut. Der "Tages-Anzeiger"-Beitrag von 1973 ist nichts weniger als ein Manifest für den Suizid; in dem vergilbten Belegexemplar, das Baumann in seinem Archiv aufbewahrt, ist nachzulesen: "Es müsste doch Kliniken geben, wo man seine Wünsche nach Totsein offen sorgfältig erörtern, entwickeln und revidieren oder ausführen könnte, ohne dafür der völligen Einsamkeit ausgeliefert zu sein." Und: "Wenn Sterben möglich ist, auf blossen Entschluss hin, dann ist Leben freiwillig. Lasst Leben freiwillig sein und Eltern, Ämter, Firmen wissen: Wer allzu sehr eingeschränkt ist, kann jederzeit gehen."

Schon damals, Anfang der siebziger Jahre, fordert Baumann ein allgemeines Recht auf den Suizid, es ist ihm das Fundament einer trotzigen Freiheitsidee, einer Existenzialphilosophie, die den Menschen zur finalen Mündigkeit führt - so hat er sich das ausgedacht. In den neunziger Jahren dann geht Baumann zum praktischen Teil über: Zuerst als Exit-Vertrauensarzt, später als aktiver Sterbehelfer; nach eigener Angabe in rund zehn Fällen. Im Juni 2003, nach der Haftentlassung, wiederholte Baumann in einem Rundschreiben sein Credo: "Wer über sein Leben und seinen Tod verfügen kann, kann nicht mehr durch Angst regiert werden."

Auf der Internetseite des Vereins Suizidhilfe steigert Baumann seine Parole ins Grotesk-Grandiose, wenn er aus Schillers "Tell" zitiert: "Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben". Darin steckt die Masslosigkeit des Missionarischen, man fragt sich, was das alles bedeutet, sollte der Psychiater hinter Gitter kommen.
Selbst in der eigenen Branche ist Baumann zu einem einsamen Mann geworden. Andreas Blum, Mediensprecher von Exit, sagt: "Bei allem Verständnis für seine Motive: Baumann hat mit seinem Vorgehen meines Erachtens der Sache selbst, der Respektierung des Rechts des Menschen auf seinen eigenen Tod, im Endeffekt geschadet."
Ende 2002 leitete die Zürcher Ärztegesellschaft ein Verfahren gegen ihr Mitglied Baumann ein, da dessen Tun mit den Standesregeln nicht mehr zu vereinbaren war. Baumann kam einem Ausschluss jedoch zuvor, indem er im Oktober 2003 seinen Austritt einreichte. Verlassen hat er ebenfalls die Zürcher Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, auch dieser Berufsverband hätte ihn bald hinausgeworfen; jedenfalls schätzen sich die Zürcher Psychiater glücklich, den "Todesengel" ("Basler Zeitung") nicht mehr in ihrer Gesellschaft zu wissen.
Ganz besonders freut sich die Präsidentin, Christine Romann. "Baumanns Tun, sein Engagement in der Sterbehilfe, ist widerlich."

Es ist anzunehmen, dass Verbandspräsidentin Romann die Meinung vieler ihrer Berufskollegen vertritt, wenn sie sagt: "Es kommt mir vor, als ob dieser Mann allen Leuten sagen wolle: Schaut her, ich bin auf diesem Gebiet der Grösste." In den Praxen von Psychiatern dürfe nicht zum Tod geraten, in den Praxen von Psychiatern müsse fürs Leben eingestanden werden, meint Romann. Was Baumann tue, sei eine Anmassung.
Baumann hat das alles gesucht: die Kraftprobe mit der Justiz und dem Staat, und er hat auch die Öffentlichkeit gesucht. Er wird bis vor die höchsten irdischen Richter gehen, das Bundesgericht, um für ein Recht auf Suizidhilfe für alle zu streiten. Darum gebeten hat ihn kaum jemand.
Wie stellt sich ein Peter Baumann den Tod vor?
"Man wird in den Ideen und Gedanken der Zurückgebliebenen weiterleben. Und im besten Fall in ihrer Liebe."

Ein Licht nach dem Tod

Als am 2. November 2002 Kriminalkommissär Melzl spätabends das ungeschnittene Videomaterial sichtete, das den letzten Tag im Leben der Heidi T. dokumentiert, hat ihn ein Satz, der die Suizidantin der Nachwelt hinterlassen hat, bewegt: "Ich hoffe, dass ich wieder Licht sehen werde, wenn ich tot bin." Melzl weiss nicht, wie viele Leichen er in seinen 31 Jahren als Polizist schon gesehen hat, aber über diesen Satz dachte er immer noch nach, als er in der Nacht ins Aargauische hinausfuhr, nach Hause zu seiner Familie. Und Melzl musste auch denken: "Wenn Frau T. auf eine Dachterrasse gefahren wäre, um sich dann hinunterzustürzen, so hätten wir abgeklärt, ob jemand an ihrem Rollstuhl geschoben hat. Wenn nicht, dann wäre alles in Ordnung gewesen."
Möglich, dass sich in den Tagen des Prozesses gegen Baumann das Gericht an den Fall einer 29-jährigen Frau aus Basel erinnern wird, an das Schicksal jener Frau, die sich am Montag, dem 14. Dezember 1998, morgens um neun Uhr mit Hilfe von Exit töten wollte. In letzter Minute verhinderte der durch einen Bekannten alarmierte Amtsarzt den Suizid, die körperlich vollkommen gesunde, jedoch seit Jahren depressive Frau wurde zwangsweise in die Psychiatrische Klinik eingewiesen. Erst Monate später gelangte das Drama an die Öffentlichkeit, um dann höchstes Medieninteresse zu erregen, selbst im Ausland: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" titelte damals: "Sterbehilfe in der Schweiz: Ein Skandal".

Die Empörung, der massive Druck von Öffentlichkeit und Justiz war für Exit der Grund, ein Moratorium in der Sterbehilfe bei psychisch Kranken zu beschliessen. Anders Baumann, der Dissident: Er stieg in die entscheidende Runde seines Kampfes.
Die junge Baslerin lebt heute noch.

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