
ZSL Grundsatzpapier
Es gibt verschiedene neue biotechnische und medizinische Verfahren, die uns grosse Sorgen bereiten. Das Menschenbild der Selbstbestimmt Leben Bewegung geht davon aus, dass jeder Mensch als einzigartiges, unverwechselbares Individuum unabhängig von Fähigkeiten oder etwa körperlichen Einschränkungen Menschenwürde hat. Die durch die Gentechnik verheissene Vision vom behinderungsfreien, leidensfreien Menschen lehnen wir ab.
Viele GentechnikerInnen wollen immer wieder der Gesellschaft weismachen, dass unsere Zukunft und die Identität des Menschen in den Genen liegt. Es verwundert deshalb nicht, wenn viele Menschen grosse Hoffnungen in die zukünftige Entwicklung der Gentechnik setzen. Die Hoffnung auf Heilung nehmen wir sehr ernst. Gerade deshalb halten wir die Versprechungen, die gemacht werden, für unethisch.
Die öffentliche Debatte um den Einsatz der Gentechnik in der Medizin wird bisher einseitig geführt. In der Öffentlichkeit wird überwiegend der Eindruck erweckt, ohne Gentechnik sei eine Heilung von Krankheiten nicht möglich. Die SL hält die Gentechnik auch in der Medizin für einen sehr riskanten Ansatz. Die herkömmliche Medizin hat bei der kausalen Behandlung von chronischen Krankheiten überwiegend versagt. Mit der Gentechnik wird dieser Sackgassenweg verstärkt, weil sie nur Teilerklärungen für das Phänomen Krankheit liefern kann. Allenfalls für einen geringen Teil von monogenen Erbkrankheiten kann sie Erklärungsmuster ermöglichen, ohne jedoch den Betroffenen Hilfe anbieten zu können. Trotz immerwieder hervorgebrachten Bedenken, wird bei der Bevölkerung deren Zustimmung zur grenzenlosen Forschung erheischt.
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene. Das reduzierte biologisch-mechanistische Menschenbild der Gentechnik gefährdet die grundlegenden Werte der Demokratie, die Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung bezüglich jeglicher Eingriffe.
Wie alle vernünftigen Menschen würden wir Menschen mit einer Behinderung uns freuen, wenn die Lebensqualität vieler Menschen und Tiere als Folge der Gen- und Bioforschung verbessert würde. Aber unsere Erfahrung als Menschen mit einer Behinderung, insbesondere die Erfahrungen des Missbrauchs und des Ausgesondertwerdens, mahnen uns zur Vorsicht.
Andererseits meinen auch wir, dass der natürliche Drang des Menschen zu entdecken und zu forschen respektiert werden soll.
Uns ist bewusst, dass daraus ein Widerspruch zu unseren Befürchtungen resultiert. Um so wichtiger erscheint es uns, Massnahmen zu treffen, die regulieren, wie mit den Gefahren und dem möglichen Missbrauch der Forschung und deren Ergebnisse umgegangen werden soll.
Darum fragen wir jene, die von den neuen biologischen und medizinischen Methoden und Forschungen Profit versprechen, wie soll gewährleistet werden, dass:
«Wer meint, Ethik sei das Leitprinzip menschlichen Handelns, liegt falsch. Der Konkurrenzdruck ist oft stärker: Skrupellose WissenschaftlerInnen tun, was ihre Labornachbarn bleiben lassen. Und bringen damit wiederum ethische Richtlinien und Gesetze ins Wanken. Ein teuflischer Kreislauf. Mit jedem gelungenen Experiment fällt unmerklich die ethische Schranke. Der Gedanke jedoch, ethische Festlegungen seien völlig elastisch und beliebig anpassbar, ist unerträglich. Denn wenn stets alles Machbare zugleich das Erlaubte ist, kommt die Menschlichkeit abhanden. Das ist dann mehr als ein Kulturschock, wie es moderate KritikerInnen darstellen. Es ist letztendlich unmenschlich.»
nach Tobias Frey, Weltwoche, 24. Juli 1997
Die Gentechnik verbaut Zukunftschancen indem sie z.B. die natürliche genetische Varianz verhindert. Wir wollen Forschungsansätze stärken, die bisher vernachlässigt wurden. So hat die Erkenntnis, dass Behinderung nicht einfach als gesundheitliches Problem aufzufassen ist, sondern vielmehr von sozialpolitischen Faktoren (Diskriminierung) erheblich beeinflusst wird, zu kaum sichtbaren Veränderungen geführt. Es ist aber primär Aufgabe des Staates, eben diese Lebensbedingungen für alle - auch für BürgerInnen mit einer Krankheit oder Behinderung - zu verbessern, anstelle Firmen und ForscherInnen der Gentechnik mit Milliardenbeträgen zu alimentieren. Darüberhinaus können wir auf keinen Fall den neuen Methoden zustimmen, solange nicht unsere Ängste mit konkreten Absicherungen beruhigt werden!
ZSL Grundsatzpapiere sind Vorschläge zu einer möglichen Umsetzung der SL-Philosophie in konkrete, aktuelle Fragestellungen. In diesem Sinne erheben Sie keinen Anspruch auf Endgültigkeit - im Gegenteil, kritische Eingaben und/oder Neufassungen sind immer erwünscht.