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Comparis sortiert für Krankenkassen Versicherte aus

28.09.2011 | Tages-Anzeiger | Simone Rau | Schweiz

Logo: ComparisDer Online-Vergleichsdienst verhindert, dass chronisch Kranke gewisse Offerten bestellen können – und kassiert Geld dafür.

Heute Mittwoch verkündet Gesundheitsminister Didier Burkhalter in Bern die Krankenkassenprämien für 2012. Sodann werden sich Tausende Schweizer einen Kassenwechsel überlegen. Was liegt da näher, als die Prämien bei Comparis.ch zu vergleichen?

Doch wer beim Internetvergleichsdienst nach den günstigsten Krankenkassen sucht, hat ein Problem: Entscheidet sich ein Zürcher oder Berner für die Grundfranchise von 300 Franken, erscheinen in der «Standardansicht» zum Beispiel etliche Kassen der HelsanaGruppe nicht. Dafür muss er erst auf die «Vollansicht» wechseln. Zudem funktioniert das automatische Anfordern von Offerten in dieser Franchisenkategorie bei allen Helsana-Kassen nicht. Auch die Sanitas arbeitet mit diesem Trick.

Die Absicht dahinter ist klar: Weil chronisch Kranke mit Vorteil die tiefste Franchise wählen, wollen die Krankenkassen solchen Versicherten den Beitritt erschweren. «Blick» sprach gestern vom «Aussortieren» von Kunden. Davon will Comparis-Gründer Richard Eisler allerdings nichts wissen. Es sei vielmehr so, dass Comparis der Risikoselektion entgegenwirke: «Dank dem Aufpreis, den die Kassen uns dafür zahlen müssen, wird es für diese unattraktiv, unerwünschte Offertanfragen auszuschliessen.» Ebenfalls ein Aufgeld verlange Comparis von Kassen, die verlangten, dass bestimmte Altersgruppen, Produkte oder Kantone ausgeschlossen würden. «Wenn die Kassen bestimmte Kunden ausschliessen wollen, können wir dem nur entgegenwirken, indem es sie mehr kostet», so Eisler.

All dies sei nichts Neues, sondern werde so von Comparis «bereits seit rund zehn Jahren» gehandhabt. «Auch wenn wir die Offertanfragen entgegennehmen und weiterleiten würden: Die Kassen würden sie nicht bearbeiten», sagt Eisler. Darum habe man sich für die Variante des Aufpreises entschieden. Für dieses «Targeting», das auch der Internetvergleichsdienst Bonus praktiziert, verlangt Comparis laut Eisler bis zu 15 Franken pro Offerte.

«Fragwürdige Praktiken»

Nichts von den Erklärungen des Comparis-Gründers hält der Freiburger SP-Nationalrat Jean-François Steiert: «Sie sind ein charmanter Versuch, sich herauszureden und den Eindruck zu erwecken, etwas Gutes zu tun.» Dabei trage Comparis die «fragwürdigen Praktiken» der Kassen nicht nur mit, sondern verstärke sie. «Wenn man für zusätzliche Informatikdienste Geld bekommen kann, nimmt man es – so einfach ist das», sagt Steiert.

Empört über das Verhalten von Comparis sind auch die Initianten des Volksbegehrens «Für eine öffentliche Krankenkasse». Der Internetvergleichsdienst spiele «eine besonders miese Rolle» bei den «krummen Geschäften» der Kassen, wenn er in deren Auftrag die Versicherten selektiere und sich diese Dienste «vergolden» lasse, schreiben die Initianten in einer Mitteilung. Für Besserung sorge einzig die Schaffung einer öffentlichen Krankenkasse.

Heute startet der BAG-Rechner

Helga Portmann, Leiterin der Versicherungsaufsicht im Bundesamt für Gesundheit (BAG), sagt: Die Tatsache, dass die Kassen bestimmte Offertanfragen nicht entgegennehmen, sei noch kein Beweis für eine allfällig Verletzung ihrer Aufnahmepflicht – «aber zumindest ein Indiz dafür, dass es so sein könnte». Deshalb gehe das BAG der Sache nun nach. Denn: «Jede Versicherung hat die Pflicht, alle Versicherten mit jeder gewünschten Franchise aufzunehmen.»

Ab heute Mittwoch steht den Versicherten neben den Vergleichsdiensten Comparis und Bonus im Internet neu auch der Prämienrechner des BAG zur Verfügung. Er funktioniert laut Portmann analog – mit der Ausnahme, dass er weder für die Versicherer noch die Versicherten etwas kostet.

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