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Festival „Handicap im Kocherpark“ grosser Erfolg

14.09.2011 | ZSL | Peter Wehrli | Schweiz

Feiernde im Festzelt im KocherparkRund 200 Menschen mit Behinderung. Angehörige, AssistentInnen, Freunde und Politprominenz feierten heute im Kocherpark in Bern den erfolgreichen Abschluss des 15 Jahre dauernden politischen Kampfes für die Einführung einer Finanzierung der Persönlichen Assistenz.

Am 1. Januar 2012 tritt die IV-Revision 6a in Kraft. Darin enthalten ist eine neue Leistung für welche Menschen mit Behinderung seit 15 Jahren angestrengt gekämpft haben: die Finanzierung von Persönlicher Assistenz. Personen, welche wegen ihrer Behinderung auf zusätzliche tägliche Unterstützung angewiesen sind, können damit nun auch in der Schweiz wählen, ob sie diese Hilfe in einem Heim, oder in der freien Wildbahn lebend empfangen wollen. Sie können entscheiden, wen sie mit der Aufgabe beauftragen wollen – wo, wie und wann sie welche Hilfe bekommen möchten. Sie dürfen selbstbestimmt Leben, auch mit einer (schweren) Behinderung, wie es die allgemeinen Menschenrechte für jedermann vorsehen, und wie es die weltweit als Norm anerkannte UNO Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ausdeutscht.

Dass die Schweiz den Menschen mit Behinderung dieses Recht nun endlich auch zugesteht – Jahrzehnte nach vielen anderen Ländern in Skandinavien und weltweit – ist dem unermüdlichen, hartnäckigen und äusserst geschickten Einsatz vor allem einer Person zu verdanken: Katharina Kanka. Ihre Freunde nennen sie Kat. Und Freunde hat sie sich viele erobert – hunderte von Menschen mit Behinderung vertrauen ihr ihre Sorgen, Nöte und Hoffnungen an. PolitikerInnen von Links bis Rechts und Bundesbeamte bis hinauf in die höchsten Kreise schätzen sie als best ausgewiesene Spezialistin in Sachen Pflegefinanzierung die es in der Schweiz gibt, und als verlässliche, ehrliche, aufmerksam zuhörende und unbestechliche VerhandlungspartnerIn und Freundin.

Schon damals, 1996, als sie zusammen mit einem Grüppchen von politisch engagierten Behinderten das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Zürich gründete, hat sie ihre eigene schwere Muskelkrankheit nie als Grund verstanden, etwas nicht zu können, sondern als eine ganz besondere, wertvolle (wenn auch keineswegs leicht zu tragende) Lebenserfahrung die es als gleichberechtigte Bürgerin in die Demokratie einzubringen gilt. Diese Überzeugung, gepaart mit ihrer ganz besonderen Kombination von persönlicher Bescheidenheit und mutiger, sachverständiger Beharrlichkeit hat ihr wohlverdienten Respekt in allen Lagern beschert. Und manch einer Politikerin oder einem Politiker die Augen geöffnet, dass Menschen wegen einer Behinderung noch lange nicht lebenslang unbedarfte, zu versorgende Kinder, sondern respektable Bürgerinnen und Bürger sind. Einer ihrer vielen treuen MitkämpferInnen für die Einführung der Persönlichen Assistenz, Nationalrat Toni Bortoluzzi, bemerkte einmal zu Recht, dass dies im letzten Jahrzehnt das einzige politische Anliegen sei, welches PolitikerInnen über alle Parteigrenzen hinweg gemeinsam anpacken konnten - dank der Arbeit von Kat Kanka wohlverstanden!

Klar ist damit auch, dass dieser wichtige Meilenstein der Schweizer Behindertengeschichte nicht erreicht werden konnte, ohne Beiträge von ganz vielen weiteren Menschen. Immense Widerstände der traditionellen Behindertenversorgungsindustrie und der politischen Verwaltungen, Jahrhunderte alte Vorurteile galt es und gilt es auch weiterhin zu überwinden. Ein paar handvoll politisch engagierte Behinderte, mutige Freunde, aufmüpfige Angehörige die ihre Kinder integrieren wollten, weitsichtige PolitikerInnen, wissensdurstige ForscherInnen und nicht zuletzt auch ehrlich um gute Lösungen ringende Verwaltungsbeamte haben alle ihren Anteil beigetragen. Nicht allen schenkte das Leben genügend Zeit, um den so lange ersehnten Tag zu erleben: Nina Dorizzi zum Beispiel, eine der ersten Kämpferinnen für selbstbestimmtes Leben in der Schweiz, und Vorstandsmitglied im Kat Kankas Fachstelle Assistenz Schweiz (FAssiS), war es nicht mehr vergönnt.

1997 begann der eigentliche politische Kampf für die persönliche Assistenz mit einer unbewilligten Demonstration des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben im Kocherpark neben dem Bundesamt für Sozialversicherungen in Bern. Mit dem Slogan „Wir wollen nicht ins Heim – Wir bleiben da“ campierten um die 20 schwer behinderte Menschen in Zelten im Park. Behinderte die sich so frech und vor allem selbst, ohne sie bevormundende Funktionäre in der Politik zu Wort melden hatte die Schweiz bis dahin nicht erlebt. Das Medieninteresse war enorm. Und der Prozess kam ins Rollen.

Heute 15 Jahre, unzählige Demonstrationen, Mahnwachen, Petitionen und Verhandlungen später, wurde an eben dieser Stelle gefeiert, im Beisein ganz vieler der Beteiligten an dieser langen Geschichte. Die Nationalrätin Maya Graf von den Grünen, und die Nationalräte Toni Bortoluzzi und Jürg Stahl von der SVP nahmen sich, trotz wichtiger Debatte im Nationalrat, Zeit um Kat Kanka zu ehren und mit uns zu feiern. Viele andere wichtige PolitikerInnen konnten leider nicht dabei sein, wurden aber verdankt. Ives Rossier, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen hielt eine bemerkenswert nachdenkliche Rede mit der zentralen Botschaft, dass auch Menschen mit einer Behinderung sich für ihre Anliegen einsetzen müssen und stolz sein dürfen auf das Erreichte. Das ZSL erinnerte mit einem kurzen Spiel daran, dass noch längst nicht alle Ziele erreicht sind so lange immer noch ein grosser Teil der assistenzbedürftigen Menschen von der neuen Leistung ausgeschlossen sind.

Der Musikkünstler Flurin Caviezel und der Satiriker Andreas Thiel sowie der bekannte Jazzsänger Paolo Conte mit seiner Band und die VideokünstlerInnen Pipilotti Rist und David Siems sorgten für ein anregendes kulturelles Rahmenprogramm. Und ganz viele freiwillige Helferinnen und Helfer verwöhnten alle mit feinsten Leckerbissen und Getränken.

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Kommentare

Selbstbestimmtes Leben Schaffhausen | 16.09.2011

Der Schlüssel zur Freiheit / La Clé de la Liberté / La Chiave della Libertà.
Dieser Kurzfilm wurde für das Festival "Handicap im Kocherpark" vom 14. 9. 2011 gezeigt: www.youtube.com

Reinklicken (und dran bleiben) lohnt sich, nicht nur für Betroffene und Angehörige ...

Selbstbestimmtes Leben Schaffhausen | 15.09.2011

Hervorragend!
Herzliche Gratulation und Dank allen Vor- und Mitkämpferinnen und Mitkämpfern.

Bernhard Pfaff,
GSL SH (leider immer noch im Aufbau-Versuch) ;-)

Bravo! | 15.09.2011

Ganz herzliche Gratulation zu dieser gewonnenen Etappe, die Mut und Kraft gibt das Ziel des gleichberechtigten Lebens in Würde aller Menschen mit einer Behinderung zu erreichen!

Freudige Grüsse,

Nicole Suter-Murard

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