Sprung zum Inhalt

News - Detail-Ansicht

Job Coach Placement: Psychisch beeinträchtigte Menschen nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt integrieren

07.07.2011 | ZSL | Denise von Graffenried | Schweiz

Portrait von Markus HunzikerDas Job Coach Placement (JCP) ist ein Angebot der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD), mit dem Ziel psychisch beeinträchtigte Menschen auf dem schwierigen Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu unterstützen.Das ZSL hatte die Möglichkeit mit dem Leiter des Job Coach Placement, Herrn Markus Hunziker, ein Gespräch zu führen.

Das Job Coach Placement (JCP) ist ein Angebot der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD), mit dem Ziel psychisch beeinträchtigte Menschen auf dem schwierigen Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu unterstützen. Das Bild auf der Broschüre zeigt einen Coach von kleiner Statur, der einen grossen, kräftigen Sportler trainiert. Alles was der Sportler erreichen will, muss er selbst tun. Aber ohne Coach kommt er nicht zum hohen Ziel, das er sich gesteckt hat. Zurück in einen Beruf finden oder in einer akuten Krankheitsphase im Beruf bleiben können, klappt mit Hilfe des Job Coach Placement wesentlich öfter als ohne Hilfe oder über den Weg durch geschützte Arbeitsplätze.

Getragen wird das JCP von der Überzeugung, dass Arbeit im ersten Arbeitsmarkt ein Menschenrecht ist, die Gesundheit der TeilnehmerInnen fördert, die Gesellschaft finanziell durch weniger (hohe) IV Renten und Gesundheitskosten entlastet und für die ArbeitgeberInnen Gewinn bringt.

PD Dr. med. Holger Hoffmann hat das Konzept in den USA kennen gelernt, im Jahr 2002 in die Schweiz gebracht und den hiesigen Verhältnissen angepasst; zuerst in Form eines Projekts und dann, nach ausgewiesenem Erfolg, in heutiger Form.

Das ZSL hatte die Möglichkeit mit dem Leiter des Job Coach Placement, Herrn Markus Hunziker, ein Gespräch zu führen und dankt ihm an dieser Stelle ganz herzlich für seine Zeit.

Bei den TeilnehmerInnen handelt es sich um eine durchmischte Gruppe

Die Voraussetzung um aufgenommen zu werden, ist eine vorgängige, berufliche, Abklärung. Immer ist die IV involviert, da sie für die ersten 6 Monate die Finanzierung übernimmt. Die TeilnehmerInnen sind in therapeutischer Behandlung und müssen mindestens 50% einsatzfähig sein. Menschen mit einem Suchtproblem werden zugelassen, wenn ihre Sucht nicht manifest ist und sie entsprechende Tests mittragen. Für die Teilnahme am Programm gibt es keine Altersgrenze. Das Durchschnittsalter beträgt momentan 37 Jahre. Bei den TeilnehmerInnen handelt es sich um eine durchmischte Gruppe punkto Alter, Ausbildung und Staatszugehörigkeit, wie sie in einer vergleichbaren, nicht behinderten Bevölkerungsgruppe auch vorkommt. Alle TeilnehmerInnen sind psychisch beeinträchtigt. Aus Erfahrung weiss der Leiter des Programms, dass die Wohnsituation geklärt sein muss. Wer keine eigene Wohnung hat, sondern betreut wohnt, kann sich vielleicht im ersten Arbeitsmarkt beruflich etablieren. Sobald aber der Wunsch nach einer eigenen Wohnung dazu kommt, kann es schnell zu einer Überforderung kommen und damit zum Abbruch der beruflichen Wiedereingliederung.

Das Ziel des Coachs ist es, sich selbst überflüssig zu machen

Das eigentliche Job Coach Placement beginnt nach der Abklärungzeit. Dann hat sich herausgestellt, dass die TeilnehmerInnen motiviert und mindestens 50% einsatzbereit sind. Während zwei bis vier Wochen lernen sie ihren Coach kennen und er sie. Das Bewerbungsdossier wird nach den neusten Erkenntnissen zusammengestellt. Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wird der Teilnehmer jetzt nach seinen Fähigkeiten, seinen Vorlieben und beruflichen Zukunftsvorstellungen gefragt.

Darauf folgt ein Einsatz an einem Trainingsarbeitsplatz in einer externen Einsatzfirma. Dieser dauert zwei bis drei Monate. Der Teilnehmer wird begleitet durch seinen persönlichen Job Coach. Hier geht es darum festzustellen, wie er mit den Anforderungen eines normalen Berufsalltags umgeht. Grundlegende Fähigkeiten wie Pünktlichkeit, Belastbarkeit, und soziale Kompetenzen werden erfasst. Ohne dass der Druck durch die zu verrichtende Arbeit bereits allzu hoch ist, werden auftretende Schwierigkeiten angeschaut und gemeinsam mit dem Coach angegangen. Gleichzeitig läuft die intensive Stellensuche für eine berufsspezifische Wiedereingliederung.

Nachhaltigkeit heisst das Zauberwort.

Nach zwei bis drei Monaten fängt der Berufsalltag in der externen Einsatzfirma an. Fernziel ist ein unbefristeten Arbeitsvertrag in der dieser Firma und dadurch im Idealfall eine Rentenreduktion. Einige TeilnehmerInnen schaffen schon von hier aus den Sprung. In der Regel dauert es jedoch länger. Der Teilnehmer wird in der nächsten Phase, d.h. nach 6 Monaten, vom JCP im Stundenlohn angestellt und wird an die externe Firma ausgemietet. Dieser Einsatzvertrag ist unbefristet und dauert bis zur Festanstellung des Teilnehmers. Krankheit, Leistungsdefizite, Abbruch des Arbeitsalltags: Die Risiken liegen beim JCP und nicht bei der Firma des ersten Arbeitsmarktes. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten wird die Begleitung durch den Coach nicht vorzeitig beendet.

In dieser Zeit haben sowohl die anstellende Firma wie auch der Teilnehmer gelernt, mit Krisen umzugehen. Letzterer ist während der gesamten Zeit in ärztlicher Behandlung. Nur wenn das Krisenmanagement klar und eingeübt ist, wird sich der persönliche Coach zurückziehen. Aber genau dahin soll der Weg am Schluss führen: Zurück in eine Win-Win Situation für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

So zeigt sich der Erfolg

Schon während der Projektzeit wurde ausgewertet, wie sich die Erfolgszahlen des JCP-Projekts mit denen der geschützten Werkstätte vergleichen. Während das Projekt 67% TeilnehmerInnen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren konnte, gelang dies den geschützten Einrichtungen im Vergleich nur bei 13%. Das erklärt den raschen Erfolg, dass aus dem Projekt ein fester Bestandteil des Angebots der UPD wurde, das sich seit seinem Entstehen ständig vergrössert, Zusammenarbeit mit Nachbarkantonen eingeht und solche in Zukunft plant.

 

Kommentar des ZSL:

Ein psychisch beeinträchtigter Mensch muss sich sehr genau kennen

Für das ZSL ist wichtig, dass die TeilnehmerInnen in diesem Programm als PartnerInnen ernst genommen und zurück in den ersten Arbeitsmarkt geführt werden. Dieser Prozess wird nicht als ein Angebot der Wohltätigkeit aufgefasst: Es werden marktübliche Leistungslöhne entrichtet, es wird ein normaler Arbeitsplatz gesucht: Zuerst die Arbeit und dann das Training. So läuft der Weg und nicht umgekehrt: Die TeilnehmerInnen werden für den Arbeitsplatz fit gemacht, den sie tatsächlich einnehmen. Die externen Firmen werden entsprechend ausgewählt und sind oft begeistert über die hochmotivierten, neuen MitarbeiterInnen, die sich rasch integrieren und mit der Arbeit identifizieren.

Sehr früh hat der Kanton Bern erkannt, dass ein Angebot zur beruflichen Integration von psychisch beeinträchtigten Menschen fehlt. Er hat entsprechende Massnahmen entwickelt und ein Projekt lanciert. Die vorliegenden Zahlen sprechen dafür, dass das Job Coach Placement als wichtiges Bindeglied zwischen psychisch beeinträchtigten Menschen und dem ersten Arbeitsmarkt dient. Wie die neue BSV Studie „Schwierige Mitarbeiter“ zeigt, verlieren 9 von 10 schwierigen, d. h. psychisch beeinträchtigten MitarbeiterInnen ihre Arbeitsstelle über kurz oder lang, wenn die ArbeitgeberInnen mit der schwierigen Situation sich selbst überlassen bleiben. 

Das Programm eignet sich nur für Menschen, die bereit sind, eng mit der IV zusammen zu arbeiten. Je nach gemachten Erfahrungen kann das sehr schwierig sein. Zudem kommt der beeinträchtigte Mensch in eine Versorgungslücke, weil die Rente nicht sofort reaktiviert werden kann, wenn sich nach den ersten drei Monaten zeigt, dass der Wiedereingliederungsversuch fehlschlägt. Das Risiko liegt beim beeinträchtigten Menschen, während die ArbeitgeberInnen von Risiken entlastet werden.

Ein psychisch beeinträchtigter Mensch muss sich sehr genau kennen, um im Voraus abschätzen zu können, was ihn überfordert, unterfordert, krank oder gesund macht, oder wo es hilft auf die Zähne zu beissen, wenn die Umstellung und der Druck gross sind.

Zum Programm werden nur gut motivierte, psychisch beeinträchtigte Menschen zugelassen. Sie müssen mindestens 50% einsatzbereit sein, während gleichzeitig davon ausgegangen wird, dass sie leistungsmässig eingeschränkt sind. Es gibt jedoch eine nicht kleine Zahl von Menschen mit Behinderung, die zwar voll leistungsfähig sind, dies aber wegen ihrer Beeinträchtigung nur während einer sehr eingeschränkten Zeitspanne. Die Frage bleibt: Bürden solche Programme beeinträchtigten Menschen nicht allzu lange Arbeitszeiten auf, um dann festzustellen, dass nicht die ganze Zeit für die Arbeit eingesetzt werden konnte, weil die Dauer zu lang war? Ein Beispiel aus dem Werbematerial des Job Coach Placement selbst zeigt, dass einer der Teilnehmer eingesetzt wurde, um die Arbeitsabläufe zu optimieren. Eine klare Stärke beeinträchtigter Menschen, die die eigene Kraft gezielt und effizient einsetzen.

Diesen Artikel bookmarken oder versenden

Kommentare

Um beleidigende oder regelverletzende Kommentare zu verhindern, kontrollieren wir Ihre Einträge vor der Publikation. Dies kann zu einer Verzögerung der Publikation führen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Zusatzinformationen

Suchen auf ZSL Schweiz

Schnellzugriffe