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Unsichtbare Krankheiten

11.05.2011 | Tages-Anzeiger | Peter Schneider | Schweiz

Der Psychoanalytiker Peter SchneiderPeter Schneider, der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

IV-Bezüger mit unsichtbaren (psychischen oder Schmerz-)Krankheiten haben nicht mehr allzu viel zu lachen – und sollte sich doch mal ein Lächeln auf ihr Gesicht verirren, macht sie das verdächtig. Echte Kranke lachen nicht. Und mähen auch nicht Rasen, fahren nicht Auto, gehen keinen Freizeitbeschäftigungen nach . . . Die Entlarvung von «Scheininvaliden» ist geradezu zum Volkssport geworden und weht gar durch die Gesetzesvorlagen der IV-Revisionen. Dürfen IV-Bezüger «das Beste aus ihrer Situation machen» oder sind sie quasi zum Leiden «verpflichtet»? (Denn das Leiden begründet ja die Rente.) M. B.

Liebe Frau B. An den nun schon fast zwanzig Jahre währenden Debatten um die IV mit ihren gehässigen Untertönen gegen die Sozialschmarotzer, von denen sich die ehrlichen Bürger ausgenutzt fühlen, zeigt sich ein Paradox, das mit der Medizinalisierung unserer Gesellschaft entstanden ist. Einerseits gehört es zum unbestrittenen Credo der Gesundheitspolitik, dass psychische Krankheiten «ganz normale» Krankheiten sind, «Krankheiten wie alle anderen auch». «Depression», «Zwangsstörungen», «Angststörungen» werden zu «Volkskrankheiten» erklärt. Schon jetzt ist ein beunruhigend grosser Prozentsatz der Bevölkerung von ihnen «betroffen», und die WHO schätzt, dass es in Zukunft noch viel mehr sein werden. Neue Störungen wie die «soziale Phobie» werden entdeckt und Dunkelziffern hochgerechnet. Man fordert eine bessere Früherkennung dieser Störungen, denn unbehandelt verursachen sie volkswirtschaftliche Schäden von ungeahnter Höhe.

Mithilfe der neuen bildgebenden Verfahren, die allerdings noch nicht bis in die haus- oder fachärztliche Diagnostik vorgedrungen sind, lässt sich zudem zeigen, dass all diese Krankheiten «real» sind: Die Hirnbilder beweisen, dass ich mich nicht nur schüchtern fühle, sondern dass mein Hirn wirklich anomal reagiert, wenn man mir Fotos von Menschenmengen zeigt.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: grosse Verwunderung, dass der Anteil von «psychisch Kranken» unter den IV-Rentnern wächst – obwohl eigentlich angesichts der Medikalisierung auch des Psychischen (die als «fortschrittlich» und entstigmatisierend gilt) gar nichts anderes zu erwarten gewesen ist.

Die Pointe am Ganzen: Wo es um die Invaliditätsversicherung geht, kehren nun all jene Ressentiments gegen die unsichtbaren, bloss eingebildeten Krankheiten zurück, die man doch eigentlich ausrotten wollte. Die Bildbeweise der Hightechdiagnostik und der epidemiologische Zahlenzauber der WHO in allen Ehren; aber wer eine Rente will, weil er aus psychischen oder sonst wie dubiosen Gründen nicht arbeiten kann, soll gefälligst Symptome zeigen, die auch der einfache Mann von der Strasse versteht.

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