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Die Suva ist ein schlechtes Vorbild

11.02.2011 | Tages-Anzeiger | Urs P. Gasche* | Schweiz

Urs P. GascheEinheitskasse Kontrollierter Wettbewerb ist besser.

Der Vorschlag einer obligatorischen, halb staatlichen Krankenkasse nach dem Vorbild der Suva wird immer populärer. Das hat gute Gründe: Alle Kassen bieten die gleichen Leistungen. Alle zahlen gleich viel für Ärzte, Spitäler und Medikamente. Günstiger kann eine Kasse nur sein, wenn sie gesündere Mitglieder hat. Die «Jagd nach günstigen Risiken» ist aber ein riesiges Ärgernis. Weitere Vorwürfe an die Adresse der Kassen: ¬ Sie haben es auf detaillierte Gesundheitsangaben der Patienten abgesehen, um Rechnungen und Qualität der ärztlichen Leistungen zu kontrollieren. ¬ Sie geben Ärzten, Spitälern und Pharmafirmen bei Tarif- und Preisverhandlungen zu stark nach – auf Kosten der Prämienzahler.

Darum erschallt jetzt der Ruf nach einer Einheitskasse à la Suva. Sie wäre auf Anhieb 2 Prozent günstiger, weil sie weniger Werbeaufwand hätte. Sonst aber taugt die Suva nicht als Vorbild. Pikanterweise verfügt sie trotz ihrer Monopolstellung über eine Vertragsfreiheit gegenüber Ärzten und Spitälern. Vertragsfreiheit aber schliesst nur dann Willkür aus und entfaltet positive Wirkung, wenn grosse Kassen im Wettbewerb miteinander stehen.

Gläserne Patienten

Schon gar kein Vorbild kann die Suva für diejenigen sein, die keine «gläsernen Patienten» wollen. Denn die Suva besitzt die vollständigen Krankheitsdossiers ihrer Patienten. Das ist heikler als bei den heutigen Krankenkassen, weil die Arbeitgeber direkte Kunden der Suva sind.

Aus diesem Grund informiert die Suva auch einzig die Arbeitgeber darüber, wenn sie bei der Arbeitssicherheit Mängel feststellt oder wenn Beschäftigte ungesetzlich hohen Schadstoffen ausgesetzt sind. Die Betroffenen selber erfahren von der Suva kein einziges Wort. Für eine Änderung dieser Rechtslage haben sich die gut bezahlten Gewerkschaftsvertreter im Suva-Verwaltungsrat nie eingesetzt.

Mangels Rechtsvorschrift gibt die Suva der Öffentlichkeit auch nicht bekannt, in welchen Betrieben einer Branche besonders häufig Unfälle passieren oder Berufskrankheiten auftreten. Die Unterschiede sind gross. Transparenz würde am schnellsten dafür sorgen, dass schwarze Schafe die Gesundheit ihrer Beschäftigten besser schützen.

Auch wenn es um transparente Qualität medizinischer Behandlungen geht, kann die Suva kein Vorbild sein. Sie hat zwar den riesigen Vorteil, dass sie ihre Patienten vom ersten bis zum letzten Tag der Behandlungen begleitet. Sie weiss folglich, wie lange es ging, bis Patienten mit vergleichbaren Diagnosen wieder arbeitsfähig waren, oder wie gut es ihnen am Ende der Behandlungen ging. Den Erfolg bestimmter Operations- und Behandlungsmethoden oder verschiedener Ärzteteams und Spitäler könnte die Suva also vergleichen und publik machen. Sie könnte auch Rückfallraten oder die Häufigkeit von Infektionen bekannt geben. So würden einige Qualitätsdaten von Spitälern und Ärzteteams öffentlich und in der Folge davon die medizinische Behandlung rasch verbessert.

Doch einen entsprechenden Auftrag haben die Interessenvertreter im Parlament der Suva nie erteilt. Es ist eine Illusion zu glauben, dass dies bei einer halb staatlichen Einheitskasse anders wäre.

Staat legt Tarife und Preise fest

Als Monopolistin dürfte sie auch keine harten Tarifverhandlungen führen – zur Freude der Ärzte, Spitäler und Pharmafirmen. Vielmehr müsste der Staat die Tarife und Preise festsetzen, wie er dies heute bei den Medikamenten schon tut. Eine trübe Perspektive: In keinem andern Land müssen die Kassen ein Viertel der Prämien allein für Medikamente ausgeben.

Ein Kurswechsel ist dringend nötig, allerdings nicht in Richtung Suva, sondern in Richtung kontrollierten Wettbewerbs. Holland macht es vor: Die Regierung reguliert; immer mehr Qualitätsvergleiche werden veröffentlicht; die Kassen dürfen keine Jagd auf günstige Risiken mehr machen, dafür aber ein Drittel der Spitalleistungen frei einkaufen, mit den Pharmafirmen direkt verhandeln und die Preise drücken. Tarifabsprachen verhindert die Kartellbehörde.

Resultat: Die Qualität wird transparenter und besser. Die Prämien sind 20 bis 30 Prozent günstiger als in der Schweiz.

* Urs P. Gasche ist freier Publizist in Bern, spezialisiert auf Fragen der öffentlichen Gesundheit.

 

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Kommentare

Fausto de Pretis | 17.10.2012

Die Basler subventionieren mit ihren hohen Prämien nicht die günstigeren Prämien anderer Kantone, sondern finanzieren den gegenüber den meisten anderen Kantonen exorbitanten Konsum an medizinischen Leistungen der eigenen Bevölkerung. Über die Gründe für diese Tatsache mag man zwar lange diskutieren, es ist und bleibt indessen eine Tatsache.

Markus Zimmer | 14.02.2011

Immer wenn ich das Wort 'kontrolliert' höre packt mich die Wut, kontrollieren tun immer die, die in der Sache, die sie kontrollieren müssten igendwie drinnhängen. Meistens mit einem Verwaltungsratsmandsat ode als Aktionär. So lange wir in Basel mit den schweizweit höchsten Prämien, die billigen Pämien anderer Kantone subventionieren, wäre jeder Systemwechsel der schon nur dies verhindert würde höchst willkommen. Niemand wüde je behaupten, das eine Einheitskasse analog der Suva funktionieren müsste. Da ginge es wirklich daum, etwas neues - mit komplett neuen Regeln - auf die Beine zu stellen indes, bei den heute bestehenden Verflechtungen und Intressenskonflickten zwischen den Regierenden und der Industrie habe ich keine grosse Hoffnung auf eine baldige Besserung, egal mit welchem System.
Auch hier liegen die Pobleme grundsätzlich bei der Gier nach Macht und Geld!

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