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Der Arbeitskollege, ein IV-Bezüger

26.11.2010 | Tages-Anzeiger | Erika Burri | Schweiz

Hanspeter Schlittler (63) arbeitet bei Electrolux...Viele Unternehmen im Kanton Glarus erfüllen längst, was die Linken im Rahmen der 6. IV-Revision fordern: Sie bieten Arbeitsplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen an.

Er war ein schlechter Schüler, handwerklich unbegabt. Nennen wir ihn Martin. Mit einem Werkschulabschluss waren seine Chancen auf eine reguläre Lehre gleich null. Eine Anlehre, fand seine Mutter, müsste drinliegen. Er kam in einem Heim unter. Schwierige Lehrlinge kochten da für schwierige Kinder. Der Lehrmeister fädelte ein, dass Martin eine Teilrente von der Invalidenversicherung (IV) erhielt. Für ihn war schnell klar: Mit Stress ist Martin, der mit Pfannen unkoordiniert agiert, überfordert. Nach der Lehre wurde Martin arbeitslos. Durch familiäre Beziehungen kam er im Baugewerbe unter. Viel verdient er nicht. Mit der Rente reicht es knapp.

Menschen wie Martin hat auch Peter Beglinger angestellt. Der Geschäftsführer von Stöckli Metall in Netstal GL beschreibt Menschen wie ihn so: «Sie sind 100 Prozent, einfach nicht ganz der Reihe nach.» Nicht alle von ihnen haben eine IV-Rente, hätten es aber auf dem Arbeitsmarkt trotzdem «eher schwer». Zudem beschäftigt Beglinger Personen, die ihm das Regionalen Arbeitsvemittlungszentrum (RAV) vermittelt. Sie hätten, findet er, eine Chance verdient.

Beglinger kennt mindestens zehn weitere Firmen im Glarnerland, die wie er Menschen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit einstellen. Prominentester unter ihnen ist This Jenny, Glarner SVP-Ständerat und Verwaltungsratspräsident der Baufirma Toneatti. Unter den 250 Mitarbeitenden gibt es vier Personen, die zwar ihr Bestes geben, aber dennoch am Ende des Tages nicht das geleistet haben, was ein durchschnittlicher Arbeiter bringt. Drei sind auf dem Bau, ein Mann im Rollstuhl arbeitet im Büro. Er fängt mit der Arbeit später an, «weil er am Morgen viel länger braucht, bis er angezogen ist», sagt Jenny. Er habe zudem früher Feierabend. Trotzdem sei er ein wertvoller Mitarbeiter.

«Wir erfüllen im Kanton Glarus eigentlich schon, was die 6. IV-Revision verlangt», sagt Martin Leutenegger (siehe Kasten). Er ist Personalverantwortlicher von Electrolux Schwanden mit 300 Mitarbeitern. Hier werden Steamer für den weltweiten Markt hergestellt. In der Produktion arbeiten fünf Personen mit, die «speziell» seien oder ein «spezielles Problem» hätten. Die schwedische Electrolux habe den Anspruch, mit Mitarbeitern fair umzugehen, sagt Leutenegger. Doch die Firma tut, wie viele Glarner Unternehmen, mehr als nötig: Man fühlt sich verantwortlich für die Menschen. Auch von den grössten Firmen der Region, Eternit Schweiz und Kunststoff Schwanden, heisst es, dass sie Arbeitsplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen anbieten.

Produktion für den Weltmarkt

Woher kommt es, dass im Kanton Glarus so viele Unternehmer freiwillig Verantwortung übernehmen? Pro Infirmis Glarus sagt, es gebe einige Arbeitgeber mit sozialer Einstellung im Kanton, zudem kenne man einander, was vieles ermögliche, das anderswo schwierig zu realisieren sei. Von rund 18 000 Arbeitsplätzen ist fast jeder zweite in der Industrie, so viele pro Kopf wie in keinem anderen Kanton. Hier, mitten in der Hochpreisinsel Schweiz, wird noch produziert. Viele der Firmen sind Familienbetriebe, die inzwischen mehr für den Export als für das Inland produzieren.

«Obwohl die Firmen gewachsen sind, ist der Geist des Familienbetriebes erhalten geblieben» sagt Volkswirtschaftsdirektorin Marianne Dürst. Zudem kenne man sich, die Wege seien kurz, und die Behörden würden sich immer wieder bemühen, administrative Hürden abzubauen. Das bestätigen die Glarner Firmen. Sie beschreiben die Zusammenarbeit sowohl mit der IV als auch mit dem RAV als pragmatisch.

Der Metallverarbeiter Schätti ist ein solcher Familienbetrieb. Er wird in dritter Generation von drei Brüdern geführt, produziert in Bulgarien, aber auch in Schwanden GL. 100 Personen arbeiten in Schwanden, darunter auch eine Taubstumme, die inzwischen nicht mehr von der IV abhängig ist. Häufig seien es Mitarbeiter, die zu ihm kämen und ihn fragten, ob er nicht Arbeit habe für ihre Verwandten oder Bekannten, die eben nicht seien wie alle andern, sagt Geschäftsführer Thomas Schätti. Fünf «eher schwierige Fälle», die beim Einarbeiten viel Betreuung brauchten, arbeiten bei ihm. Nicht immer ist die Zusammenarbeit einfach: «Es kam vor, dass direkte Vorgesetzte überfordert waren und die Integration scheiterte.»

Ständerat Jenny klopft auch mal auf den Tisch und sagt seinen Bauarbeitern: «Das muss gehen, einer von zwanzig, das liegt drin». Doch ein Gesetz, das vorschreibt, dass ein gewisser Prozentsatz der Belegschaft IV-Bezüger sein müssen, lehnt er wie die meisten Glarner Unternehmer ab. Sie appellieren an die unternehmerische Verantwortung.

 

6. IV-Revision

Forderung nach Quote

Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern sollen mindestens 1 Prozent Behinderte anstellen. Das fordert die nationalrätliche Sozialkommission. Wer zu wenig IV-Rentner im Betrieb beschäftigt, soll eine Ersatzabgabe in Höhe einer IV-Minimalrente pro fehlendem IV-Arbeitsplatz zahlen. Travail Suisse fordert gar eine 2,5-Prozent-Quote. Das Geld ginge an Sozialfirmen, die Stellen für Behinderte anbieten. Kleinbetriebe mit weniger als 10 Mitarbeitern sollen von der Pflicht befreit sein. Bundesrat und Ständerat hingegen setzen auf Freiwilligkeit. Die 6. IVRevision wird der Nationalrat in der kommenden Wintersession behandeln.

 

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