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Ungleich, ungleicher, Schweiz

02.11.2010 | 20Minuten | Gérard Moinat | Schweiz

Auch wenn wir in der Schule etwas anderes gelernt haben: Beim Thema Ungleichheit ist die Schweiz ganz vorne mit dabei.

Die Tabelle zeigt 8 Länder, an 3. Stelle die Schweiz (mit einem Gini-Koeffizient von 0.881)hinter Singapur (0.893) und Nabibia (0.947)

Ungleichheiten in der Welt gemäss dem Gini-Koeffizient (Quelle: http://www.reichtum-in-der-schweiz.ch/fakten.html)

Die Schweiz ist top. Zumindest wenn man den von der UN-Universität erhobenen Gini-Koeffizienten* als Massstab nimmt. Von 229 untersuchten Ländern schaffte es die Schweiz dort immerhin auf Platz 3. Aber nicht als faires Land, wie das Schweizer gerne von ihrem Land denken, sondern als unfaires.

Die Schweiz gehört nach Namibia und Simbabwe sogar zu den Ländern, in denen die Vermögensungleichheiten am grössten sind. Auch gemäss Daten von 2010 ist die Schweiz von 165 Ländern noch auf dem drittletzten Platz (siehe Tabelle). Verglichen mit der Erhebung des Gini-Koeffizienten von 1997 hat nun selbst Simbabwe die Schweiz mittlerweile als weniger «unfaires» Land hinter sich gelassen. Singapur ist nachgerückt. Auf der anderen Seite der Skala liegen Spanien und Finnland als Länder, in denen Vermögen fair verteilt sind. Auch der direkte Nachbar Österreich liegt deutlich vor der Schweiz.

Gründe dafür sind vielfältig, sagt Ganga Jey Aratnam, Mitautor der kürzlich veröffentlichten Studie «Wie Reiche denken und lenken». Einen Grund sieht er jedoch in der ausgeprägten Stabilität der Schweiz. Gerade weil das Land von Kriegen verschont geblieben war.

«Trickle-down-Effekt» liess viele nachholen

«Anders als in den kriegsgeschüttelten Ländern Europas wurden die Vermögen durch den Zweiten Weltkrieg nicht neu gemischt. Sondern Reiche blieben auch mit dem Krieg reich und konnten weiter Vermögen anhäufen», so Jey Aratnam. Deshalb liegt die Schweiz schon seit Jahrzehnten an der Spitze der Länder, wo Vermögen ungleich verteilt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch schien sich die Situation zu verbessern; in den Sechziger- und Siebzigerjahren gingen die Ungleichheiten temporär zurück. Das massive Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit begünstigten den sogenannten «Trickle-down-Effekt», wie Jey Aratnam erklärt. Dieses liberale Konzept geht davon aus, dass ein solides Wirtschaftswachstum die Vermögensungleichheiten in einem Land über die Zeit ausmerzt, in dem Wohlstand von der Oberklasse zu den unteren Schichten «herabsickert».

Seit 1975 verschärfen sich Ungleichheiten

Bis Mitte der Siebzigerjahre stimmte das auch, denn der Aufschwung nach dem Krieg zog sich über Jahre hin. Und die Verteilung wurde weniger ungleich. Aber ungefähr seit 1975 stagniert der Gini-Koffizient und begann in den jüngsten Jahren wieder markant zu steigen. «Die Wirkung der Finanzkrise kann das noch verschlechtern», so Jey Aratnam.

Dass Schweizer Vermögen im Krieg nicht zerstört wurden, sei an und für sich etwas Positives, sagt Jey Aratnam. Aber heute fällt auf, dass sich Schweizer der sozialen Ungleichheit in ihrem eigenen Land zu wenig bewusst sind.

«In der Schweiz diskutieren wir immer über die Abzocker. Dabei sind die Vermögensunterschiede mittlerweile die wahren Missstände», so Ganga Jey Aratnam. Bei den Einkommensunterschieden - im Unterschied zum Vermögen - liegt die Schweiz im vorderen Drittel der Länder mit einer «fairen» Verteilung. Allerdings deutet die jüngste Entwicklung auch hier in Richtung zunehmende Ungleichheit.

*Gini-Koeffizient:

Mit dem Gini-Koeffizienten lässt sich die Wohlstandsverteilung anschaulich ausdrücken. Er misst die Konzentration von Vermögen oder Einkommen. Liegt sein Wert bei 0, dann ist die Summe der gesamten privaten Vermögen in einem Land gleichmässig auf alle Personen verteilt. Liegt der Wert bei 1, besitzt eine einzige Person das gesamte Einkommen oder Vermögen und die anderen haben nichts.

 

 

 

 

 

 

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