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Mal kurz selber in den Rollstuhl

28.05.2010 | Tages-Anzeiger | Thomas Widmer | Schweiz

Rollstuhl-RampenParadrom LU Behinderten-Erlebnispark: Muss das sein?

Im luzernischen Rathausen ist der Erlebnispark «Paradrom» geplant: Mit einigem technischem Aufwand will man Nichtbehinderten vorführen, wie sich das Leben als Behinderter anfühlt. Der TA berichtete darüber gestern; und er brachte das Foto einer Frau, die einen steifen Spezialoverall trägt und eine Art Scheuklappen am Kopf. Ihr Gesichtsfeld ist also eingeschränkt und sie tut sich schwer mit Bücken, während sie einen Geldschein vom Boden aufzuheben versucht. So erprobt eine Gesunde die Gebrechlichkeit.

Schon seltsam. Wo wir uns auch aufhalten, es sind in der Regel Behinderte in der Nähe. Und trotzdem sollen wir bald einmal einen Erlebnispark aufsuchen, um mehr über Behinderte zu lernen und ihre Lebensumstände zu erkunden – als ob sie die raren Bewohner eines weit entfernten, exotischen Landes wären.

Da verrät sich ein Dilemma von uns Heutigen. Wir befürworten alle eine Gesellschaft, die die Behinderten möglichst in die Normalität integriert. Wir haben dabei auch schon Fortschritte erzielt. Behinderte haben es besser als früher, als sie Dällebach Karis waren, Verlachte, Verfemte, Witzfiguren. Wo die Bezeichnung für eine bestimmte Behinderung als diskriminierend empfunden wurde, ist mittlerweile ein neues Wort an die Stelle des alten getreten: Down-Syndrom für mongoloid, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte für Hasenscharte.

Das Verständnis für körperlich Gezeichnete ist also gestiegen. Theoretisch wenigstens, auf der Ebene des unverbindlichen Bekenntnisses. Denn indem sie immer hektischer wird, immer gestresster und gehetzter, ist diese Gesellschaft mit ihrem Integrationsversprechen im Alltag oft überfordert. Einen Schwächeren in unsere Gesellschaft einbauen, das braucht Zeit und Energie. Beispiel: Ein Redaktionskollege pflegt an einzelnen Tagen der Woche seine kranke Mutter. So bleibt sie in seinem Leben, und er bleibt in ihrem. Aber er ist mit dieser Aufgabe schwer belastet.

Blindenfeeling testen

Punktuell handeln, verdichtet, symbolisch: So lösen wir das Dilemma. Wir reisen vielleicht bald, alle Jahre wieder, ins Paradrom und entledigen uns dort speditiv unserer moralischen Verpflichtung. Oder wir besuchen, was jetzt schon möglich ist, ab und zu die «Blindekuh»; in diesem Zürcher Restaurant speist man im Dunkeln und testet Blinden-Feeling.

Eine solche Vorführung am eigenen Leib ist gewiss eindrücklich. Aber müssen wir prinzipiell den Zustand des Behindertseins selber einnehmen, um ihn nachvollziehen zu können? Und gingen wir nicht besser mal mit einer Person, die im Rollstuhl sitzt, in die Gartenbeiz und informierten uns im Gespräch, wo die Probleme einer solchen Behinderung liegen – Stichwort «bauliche Hürden»? Wir setzten uns dann zwar nicht selber in den Rollstuhl und spielten mal kurz für ein paar Stunden behindert. Aber wir erführen doch ganz direkt, was Lähmung alles bedeutet.

Direkterfahrung ist besser

Der Mensch hat die Gabe des Mitgefühls, er kann mit anderen Menschen empfinden. Ganz ohne Rollenspiel. Völlig ohne Eventkitzel. Wer sich auf die nicht inszenierte Direkterfahrung einlässt und zum Beispiel an jemanden mit einem Down-Syndrom gerät, der staunt. Er trifft auf einen ungeheuer gefühlsfähigen Mitmenschen. Einen, der es zeigt, wenn er einmal traurig ist – und der anderseits einen Riesenspass am Leben hat.

Wie wird wohl die Einrichtung Paradrom das Down-Syndrom abhandeln? Vermutlich mit einem Anzug, der tapsig macht. Doch ein solches Kostüm vermittelt nur einen Teil der Wahrheit. Man sollte Behinderte nicht auf ihr Körperproblem reduzieren – man blendet sonst nämlich den Rest ihrer Wirklichkeit aus.

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