Sprung zum Inhalt

News - Detail-Ansicht

«Autisten fristen ein Schattendasein»

06.04.2009 | Berner Zeitung | Michael Widmer | Schweiz

Der Fall eines jungen Autisten in Bärau wirft unbequeme Fragen auf, sagt André Pfanner, Geschäftsführer von Autismus Schweiz. Die Störung werde schweizweit als Randthema behandelt mit fatalen Auswirkungen.

Dem 18-jährigen Autisten David Benham wurde vorletzte Woche der Wiedereintritt in die Heimstätte Bärau BE verweigert. Der junge Mann hatte auf den Tod seiner Mutter mit Aggressionen reagiert und war in die psychiatrische Klinik in Münsingen eingewiesen worden. Trotz Erholung lehnte es die Heimleitung ab, den jungen Mann wieder aufzunehmen. Die Berner Zeitung hat in Regionalausgaben über den Fall berichtet. Die Unruhe im Heim sei zu gross geworden, begründete Peter Ducommun als Vorsitzender der Geschäftsleitung des Heims diesen, wie er einräumt, «harten Schritt». Er sprach von der Gefahr, dass Benham sich selber oder gar Dritten etwas hätte antun können.

Die Berner Autismus-Kennerin Heike Meyer stellte daraufhin fest: Bei intensiveren Betreuungsaufgaben stiessen viele Institutionen an ihre Grenzen.

Offizielle Aufträge fehlen

André Pfanner, Geschäftsführer des Dachverbandes Autismus Schweiz, teilt diese Meinung – ohne den konkreten Fall kommentieren zu wollen. «Die Betreuung autistischer Menschen kann sehr aufwändig sein», sagt er. Daher hat er auch ein gewisses Verständnis für überlastete Betreuerinnen und Betreuer. Gleichzeitig prangert Pfanner aber die mangelnde Ausbildung an. «In den Lehrplänen für Pflege und in entsprechenden Ausbildungsinstitutionen wird der Autismus zu wenig thematisiert», klagt Pfanner.

Stefan Sutter, Leiter des Fachbereiches Erwachsene Menschen mit Behinderung beim Verband der Heime und Institutionen Curaviva Schweiz, anerkennt zwar, dass es für die Betreuung von Menschen mit Autismus viel Fachwissen braucht und dieses «nicht überall in gleich hohem Masse vorhanden ist». Aber der Mangel im Umgang mit Autistinnen und Autisten sei kein Versäumnis der Institutionen. «Es besteht in der Regel kein entsprechender offizieller Auftrag an sie», stellt Sutter fest. Die Heime bräuchten nicht nur ausgebildetes Fachpersonal und ein spezifisches Betreuungskonzept, sondern auch eine angepasste Infrastruktur. «So müssten in einigen Fällen die Wohnbereiche so angepasst werden, dass Selbstverletzungen oder Zerstörung möglichst ausgeschlossen werden können», erklärt Sutter.

Familien in der Plicht

Kaum überraschend, zählt Autismus Schweiz schweizweit nur ungefähr 200 spezialisierte Heimplätze. «Angesichts der rund 15000 Menschen, die von der schwersten Form, dem frühkindlichen Autismus, betroffen sind, steht das in keinem Verhältnis», sagt André Pfanner. Autistinnen und Autisten würden so oft von ihren Familien betreut. «Das ist vielfach eine 24-Stunden-Betreuung», sagt er. Freiräume für die Eltern gebe es kaum. «Viele Eltern fürchten sich auch vor dem Älterwerden. Was, wenn sie die Betreuung nicht mehr zu leisten vermögen?», fragt Pfanner.

Ärzte und Firmen gefordert

Ein grosses Manko ortet Autismus Schweiz in der Früherkennung von Autismus. «Heute wird oft zu spät reagiert», hält Pfanner fest. «Es fehlt an Spezialisten, obwohl es gute Instrumente zur Früherkennung von Autismus gibt», sagt er. Wünschenswert wäre es, wenn das Handicap zwischen dem 1. und 3. Altersjahr diagnostiziert und behandelt würde. Davon dürften Angehörige und Betroffene profitieren. Gerade Menschen mit dem Asperger-Syndrom könnten mit gezielter Förderung im Leben viel erreichen, ist Pfanner überzeugt. Sie seien zum Beispiel in die Berufswelt integrierbar. In Zürich beschäftigt das Unternehmen AspergerInformatik ausschliesslich Menschen mit diesem Syndrom. Auch im Ausland gibt es Pilotprojekte. Pfanner wünschte sich aber, dass SBB, Swisscom, Bund oder Post vermehrt solche Menschen beschäftigen würden. Pfanner erkennt hier ein grundlegendes Problem im Umgang mit Autistinnen und Autisten in der Schweiz: «Diese Menschen fristen ein Schattendasein.»

Kantone handeln

Der Handlungsbedarf ist gemäss Stefan Sutter von Curaviva erkannt. Die Kantone arbeiteten im Auftrag des Bundes an neuen Behindertenkonzepten. Darin werde auch die Betreuung und Förderung von Menschen mit Autismus festgelegt. Bis Ende 2010 müssen die Papiere vorliegen. Möglich, dass dann Fälle, wie jener von David Benham in Bärau, der Vergangenheit angehören.

 

Siehe Leserbriefe:

Prof. Dr. Georg Feuser - Universität Zürich, Institut für Sonderpädagogik

Katharina Kanka, FAssiS - Fachstelle Assistenz Schweiz

Katharina und Hans Ryser- Gerber

Diesen Artikel bookmarken oder versenden

Kommentare

Um beleidigende oder regelverletzende Kommentare zu verhindern, kontrollieren wir Ihre Einträge vor der Publikation. Dies kann zu einer Verzögerung der Publikation führen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Zusatzinformationen

Suchen auf ZSL Schweiz

Schnellzugriffe