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Immer mehr ältere Menschen sind auch im öV mit Gehhilfen unterwegs

30.06.2010 | NZZ | Urs Bloch | Schweiz

Der öffentliche Verkehr wird derzeit den Bedürfnissen der Behinderten angepasst. Davon können auch die älteren Menschen profitieren, die mit Rollatoren unterwegs sind. Immer mehr Senioren sind auf diese Gehhilfen angewiesen.

Eine ältere Frau mit Rollator verlässt einen Bus über eine Rampe

Am schwierigsten ist es, Busse für den Einsatz von Rollstühlen und Rollatoren anzupassen. (Bild: Imago)

Sie sind leicht und wendig, haben drei oder vier Räder und oft einen Korb für Einkäufe. Viele lassen sich zudem in einen Sitzplatz umfunktionieren. Vor allem aber sind sie inzwischen für viele ältere Menschen im täglichen Leben unerlässlich: die Rollatoren. Immer mehr Seniorinnen und Senioren sind im Alltag mit diesen mobilen Gehhilfen unterwegs. Und immer mehr Menschen wagen sich damit auch in den öffentlichen Verkehr.

Mehr ältere Menschen, mehr Rollatoren

Weil es künftig immer mehr ältere Menschen gibt, erwartet man bei den zuständigen Stellen auch deutlich mehr Rollatoren. Die Fachstelle «Mobilitätsfragen» des Bundesamts für Verkehr (BAV) geht von einem «richtigen Boom» der Helfer mit Rädern aus. Die Fachleute prognostizieren, dass in 20 bis 30 Jahren im öffentlichen Verkehr (öV) gleich viele Rollatoren anzutreffen sind wie Kinderwagen.

Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG), dessen Vorgaben seit ein paar Jahren umgesetzt werden, umfasst auch «altersbedingt Eingeschränkte», obwohl sich die meisten älteren Menschen wohl nicht als «behindert» bezeichnen würden. Es ist deshalb konsequent, wenn nun Rollatoren den Rollstühlen gleichgestellt werden – die entsprechenden Verordnungs-Anpassungen gelten ab 1. Juli. Damit soll auch älteren Menschen mit Rollatoren der Zugang zum öV barrierefrei gewährleistet werden.

Niveau und Spaltbreite

In der Verordnung über die behindertengerechte Gestaltung des öffentlichen Verkehrs (VböV) ist ab 1. Juli beispielsweise vorgeschrieben, wie gross die Niveaudifferenz und die Spaltbreite zwischen Perron und Fahrzeug künftig sein darf, damit man mit Rollatoren und Rollstühlen gut einsteigen kann. Behindertensitze sollen künftig auch von altersbedingt eingeschränkten Personen benützt werden können. Schliesslich ist die Neigung von Rampen für Busse und Trams definiert, damit Benutzer von Rollatoren und Rollstühlen gleichermassen ohne Hilfe des Personals einsteigen können.

Auch die Ausführungsbestimmungen zur Eisenbahnverordnung werden auf 1. Juli geändert. Hier gibt es Vorschriften zur Gestaltung der Perrons, Unterführungen und den Haltstellenplattformen bei Strassenbahnen. Konkret wird vorgeschrieben, wie stark Neigungen sein dürfen und wie gross Durchgänge mindestens sein müssen, damit sie sowohl für Rollstühle wie auch für Rollatoren geeignet sind.

ÖV als Tor zur Welt

Für viele ältere Menschen bietet der öV oft noch die einzige Möglichkeit, um aus den eigenen vier Wänden heraus zu kommen. Sind sie mit Rollatoren unterwegs, so ist der niveaugleiche Einstieg vom Perron ins Fahrzeug jedoch Voraussetzung, um den öV überhaupt nutzen zu können. Nun ist ein solcher niveaugleicher Zustieg noch lange nicht überall Realität, weil es lange Fristen für die Umsetzung gibt, und die Hilfe des Personals muss in Anspruch genommen werden. Indem die Rollatoren ab 1. Juli auch in den Verordnungen zum BehiG genannt werden, kann diese Hilfe auch tatsächlich geltend gemacht werden.

Doch Gehhilfe hin oder her: Wer mit einem Rollator unterwegs ist, hat einen eingeschränkten Aktionsradius. Er bewegt sich deshalb meist mit Nahverkehrsmitteln wie Tram oder Bus. Gerade bei Bussen sind die Anpassungen für einen autonomen, barrierefreien Zugang technisch aber am schwierigsten umzusetzen, wie Gregor Saladin, Pressesprecher des BAV, sagt. Viele mittlere und kleinere öV-Unternehmen sind sich zudem über die Zusammenhänge zwischen den gesetzlichen Vorgaben und den notwendigen Massnahmen für einen altersgerechten öV zu wenig im klaren.

Hohe Kadenz bei der Elektronik

Für Fachmann Hans Kaspar Schiesser vom Verband öffentlicher Verkehr (VöV) hingegen stellen sich die grössten Herausforderungen bei den Billettautomaten und Fahrgastinformationen – dem Bereich, der bereits bis Anfang 2014 behindertengerecht sein muss. Wegen der Elektronik, die in den Geräten steckt, ist die Kadenz der Erneuerung sehr hoch. Was heute installiert wird, ist morgen bereits veraltet.

«Kürzlich diskutierten wir noch über ein elektronisches Gerät für Blinde, das die Türen von Zügen findet. Heute gibt es dafür ein App fürs Mobil-Telefon», nennt Schiesser ein Beispiel. Und auch in den Ausführungsbestimmungen zur Eisenbahnverordnung gibt es regelmässig neue Vorschriften, weil neue Erkenntnisse über die behindertengerechte Ausstattung des öV vorliegen. Diesen Vorgaben gerecht zu werden, ist für öV-Unternehmen nicht immer leicht.

Umsetzungsfrist gefährdet

Neben den technischen Herausforderungen gibt es derzeit vor allem finanzielle Engpässe, welche die fristgerechte Umsetzung der Vorgaben gefährden. Das BehiG sieht eine 20-jährige Anpassungsfrist für Bauten, Anlagen und Fahrzeuge vor. Bei Kundeninformationsanlagen und Billettautomaten beträgt die Frist 10 Jahre. Bis 2023 müssten folglich sämtliche Anpassungen im öV vorgenommen sein. Diese Frist ist nun gefährdet.

Denn viele Anpassungen bei Infrastruktur und Fahrzeugen werden vorgenommen, wenn bei den Verkehrsunternehmen ohnehin neue Investitionen anstehen. Für weitere Ausgaben, die über den normalen Erneuerungszyklus hinausgehen, gibt es vom Bund Mittel aus dem BehiG-Zahlungsrahmen. Diese Bundesmittel sollen nun im Rahmen der vom Bundesrat aufgegleisten Aufgabenüberprüfung auf maximal 5 Millionen Franken jährlich limitiert werden.

15 Jahre mehr Zeit

Gemäss VöV-Fachmann Hans Kaspar Schiesser fällt mehr ins Gewicht, dass die üblichen Rahmenkredite und Leistungsvereinbarungen unter hohem Kostendruck stehen. Wegen der knapper werdenden Mittel bleiben Investitionen in Massnahmen für Behinderte deshalb vermehrt der Strecke. Vor diesem Hintergrund schlägt der Bundesrat zuhanden des Eidgenössischen Parlaments deshalb vor, die Frist zur Umsetzung der BehiG-Vorgaben um 15 Jahre zu verlängern.

Verweis auf andere Nutzniesser

Die Behindertenorganisation Procap hat deshalb Ende Mai vor einer Verschiebung auf den «St. Nimmerleinstag» gewarnt. Bereits bei der Einführung des BehiG hat die Organisation sie die zu langen Fristen kritisiert, nun soll die endgültige Umsetzung noch einmal verschoben werden.

Procap ist der Ansicht, dass es seit der Einführung des BehiG deutliche Fortschritte für Behinderte gegeben hat, jetzt drohe dieser Elan zu verpuffen. In diesem Zusammenhang weist die Organisation richtigerweise auch darauf hin, dass von einem hindernisfreien öffentlichen Verkehr auch ältere Menschen und Familien mit Kinderwagen profitieren.

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