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News - Detail-Ansicht

Mit der Nacht-Spitex quer durch die Stadt

25.01.2009 | Tages Anzeiger | Denise Marquard | Schweiz

Seit einem dreiviertel Jahr gibt es in der Stadt Zürich die Nacht-Spitex. Sie ermöglicht alten, kranken oder behinderten Menschen, in ihrer eigenen Wohnung zu bleiben.

Das Zentrum der Nacht-Spitex befindet sich an der Riesbachstrasse 59 im Seefeld. Am Freitagabend um 22 Uhr ist es hier sehr ruhig. Draussen mag ein Sturm toben, in den Spitex-Büros herrscht gelassene Routine. Die drei von der Abendtour zurückgekehrten Frauen erledigen den bürokratischen Kleinkram, die Nachtschicht bereitet sich auf den Einsatz vor. So auch Gabriele Werner. Die routinierte Pflegefachfrau hat jahrelang im Spital und zuletzt in einem Altersheim gearbeitet. Jetzt ist sie der ruhende Pol im Spitex-Nachtteam. Sie packt ihre Pflegeutensilien ein, nimmt die Dossiers und den Schlüsselbund für die einzelnen Wohnungen zu sich. Ins Pericon, ihre elektronische Agenda, trägt sie minutiös die Fahrtzeiten und alle Leistungen ein. Dann setzt sie sich in ihren Spitex-Smart und braust los.

Die Familie, die im Bett Platz hat

Gabriele Werner fährt ohne GPS. Dabei kann es sein, dass sie in einer Nacht bis zu zehn verschiedene Kunden besuchen muss. Doch sie hat Routine und kurvt wie eine Taxifahrerin durch Zürichs Quartiere. «Ich muss ständig aufpassen, nicht zu schnell zu sein», sagt sie. Geschwindigkeitsbussen muss die Pflegefachfrau selber berappen.

Der erste Einsatz gilt einer behinderten Frau in der Grünau. Obwohl sie gelähmt ist und im Rollstuhl sitzt, kann sie dank der Spitex nach wie vor in ihrer eigenen Wohnung leben. Pflegerin und Kundin begrüssen sich wie gute Bekannte. Gabriele Werner hilft beim Zubettgehen, Waschen und Kleiderwechseln. «Jetzt ist wieder ein Spitzensportler verunfallt», erzählt die Kundin, «es ist ein Wunder, dass er noch lebt.» Gabriele Werner transportiert derweil den Behinderten-Kran vom Badezimmer ins Schlafzimmer. Dort hängt sie ihn an die Decke, denn nur so kann sie die behinderte Frau ins Bett hieven. «Es wäre kein Luxus, wenn die IV einen zweiten Kran bezahlen würde», findet Werner.

Schliesslich ist der anstrengende Teil des Jobs erledigt, die Frau liegt im Bett. Nun braucht sie noch Gesellschaft. Frau Werner holt drei Stoffbären und einen Löwen und gruppiert sie auf der Bettkante. Die «Familie» ist komplett. «Haben Sie alles?», fragt die Pflegefachfrau, rückt Brille, Telefon, Pillen und Nastücher in Griffnähe und wünscht dann eine gute Nacht.

Notfälle – die grosse Herausforderung

Gabriela Werner gefällt die Arbeit bei der Nacht-Spitex. Sie ist ihre eigene Herrin und Meisterin und hat viel Abwechslung. Keine Nacht ist wie die andere. «Und ich habe mehr Zeit für meine Kunden», sagt Werner. Anders als im Spital oder Heim klingelt selten das Telefon. Es ist ruhiger, die Kunden sind zufriedener. «Manchmal entstehen so wunderbare Gespräche», sagt sie. Aber jetzt erklingt ihr Handy. Ein Kollege will wissen, ob sie nicht einen Auftrag übernehmen könnte, der beim Ärztetelefon einging. Eine Frau sei gestürzt, liege auf dem kalten Steinboden und könne nicht mehr selber ins Bett. Werner winkt ab. Sie ist schon auf dem Weg zur nächsten Kundin und könnte frühestens in zwei Stunden dort sein. Sie klärt aber den Fall ab und gibt ihn wieder ans Ärztetelefon zurück, als sie hört, dass die Frau nicht so lange warten könne.

Jede Veränderung ist wichtig

Von der Grünau geht es wieder zurück ins Seefeld. «Ein grosser Teil unserer Arbeit besteht aus Autofahren», sagt Werner. Zum Glück macht sie das gerne. Zwischen 22.30 und 2 Uhr werden primär chronisch kranke und behinderte Menschen betreut. Sie können nicht mehr alleine ins Bett oder auf die Toilette. Ihre nächste Kundin ist eine gehbehinderte Frau. Sie schläft, als die Pflegerin die Wohnung betritt. Gabriele Werner weckt sie behutsam auf. Die Frau beginnt stark zu husten und schwitzt. Das wird im Dossier festgehalten. «Das ist wichtig, damit meine Kollegin am Tag auf dem Laufenden ist», sagt die Pflegefachfrau. Sie begleitet die Frau auf die Toilette. «Schön, dass Sie gekommen sind», murmelt sie im Halbschlaf.

Die Nacht-Spitex gibt es in Zürich seit dem 1. April 2008. Nur in der Stadt sind die Spitex-Leistungen rund um die Uhr verfügbar. Wer zuvor nachts Pflegeleistungen benötigte, war auf private Organisationen angewiesen oder musste ins Heim. Ohne die Nacht-Spitex wäre der nächste Kunde wahrscheinlich nicht mehr in seiner Wohnung. Er ist 93-jährig und wohnt seit 57 Jahren darin. Obwohl es bereits morgens um zwei ist, sitzt er noch an seinem Schreibtisch. Er ist Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss noch heute für ihren Einsatz für die Spitex dankbar. In der Wohnung steht viel Kunst herum, und es gibt noch viel mehr Bücher. Viel kann der Mann damit nicht mehr anfangen, er ist praktisch blind geworden. «Das Lesen, meine Hauptbeschäftigung, ist weg», sagt er. Deshalb lässt er sich Hörbücher aus der Blindenbibliothek schicken. Er hört sie am liebsten nachts. Die Nacht-Spitex macht es ihm möglich, seinen Lebensrhythmus, meinen «erzwungenen Egoismus», wie er freimütig gesteht, weiterzuführen. Aber jetzt ist auch für ihn Schluss. Gabriele Werner hilft ihm beim Zubettgehen.

«Man soll alte Bäume nicht verpflanzen», sagt die Pflegefachfrau auf der Fahrt zur nächsten Kundin nach Altstetten. Die Frau sollte eigentlich längst im Bett sein. Doch sie sitzt auf dem Sofa und schaut sich morgens um 3 Uhr Fotos an. Sie ist verwirrt, verweigert jede Hilfe und will von der Spitex gar nichts wissen. Gabriele Werner lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und kontrolliert, ob Wasser und Kochherd abgestellt sind. Als sie sicher ist, dass alles seine Ordnung hat, verlässt sie die Wohnung wieder. Wie geht sie mit dieser grossen Verantwortung um? «Dieser Job ist nichts für labile Menschen», sagt sie. «Man muss wissen, was man will. Da hilft mir meine grosse Erfahrung.»

Wenn nur noch gearbeitet wird

Zwischen 3 und 7 Uhr ist es bei der Nacht-Spitex nicht mehr so hektisch. Die Kunden schlafen, ausser bei Notfällen reduzieren sich die Arbeiten jetzt auf Kontrolleinsätze bei Inkontinenz, Umbetten, Toilettengänge und am Morgen auf das Helfen beim Stützstrümpfe anziehen. Es kann aber auch vorkommen, dass Gabriele Werner Sterbende und Schwerkranke begleitet. «Zu Hause sterben sie ruhiger als im Heim», sagt sie. Gegen 4 Uhr durchquert sie wieder einmal die Stadt und fährt in Richtung Albisrieden. Dort muss sie einer komplett gelähmten Frau die Einlagen wechseln. Die Gegend ist um diese Zeit ausgestorben, die Stimmung ein bisschen unheimlich. Die Pflegefachfrau braucht eine Taschenlampe, um zur Wohnung zu gelangen. Zielsicher findet sie den Eingang. Sie muss die Frau aufwecken, der Mann, inzwischen ebenfalls im Rollstuhl, schläft weiter. Wortlos verrichtet sie ihre Tätigkeit. Um diese Zeit wird nicht mehr viel geredet, nur noch gearbeitet.

 

Nachteinsätze: Nachfrage steigend

Die Nacht-Spitex deckt mit zwei Touren das ganze Stadtgebiet ab. Die Betreuung rund um die Uhr befriedigt ein wachsendes Bedürfnis. Das Auftragsvolumen hat sich von anfänglich 7 Einsätzen auf 20 pro Nacht gesteigert. Claudia Koch, Leiterin der Nacht-Spitex, rechnet dieses Jahr mit einer Verdoppelung der Aufträge. Eingesetzt wird nur qualifiziertes Personal mit viel Erfahrung. Die 4,5 Vollzeitstellen teilen sich fünf Frauen und drei Männer im Alter zwischen 30 und 55 Jahren.

Einige von ihnen üben noch einen zweiten Job aus. Eine Auswertung des ersten halben Jahres hat laut Claudia Koch ergeben, dass nicht nur die Kunden mit dem neuen Service zufrieden seien, sondern auch das Pflegefachpersonal. Dieses legt pro Nacht manchmal bis zu 100 Kilometer im Spitex-Smart zurück. Die Aufträge für die Nachteinsätze nimmt die Tages-Spitex vom zuständigen Quartier entgegen und leitet sie dann an die Nacht-Spitex weiter. Betreuungsanfragen sollten vor 17 Uhr erfolgen. Die Nachttarife sind dieselben wie diejenigen am Tag. Sie werden dieses Jahr noch mit 720'000 Franken subventioniert. Damit die Krankenkasse die Kosten übernimmt, müssen die Pflegeleistungen ärztlich verordnet sein.

www.spitex-zuerich.ch

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