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This möchte «normale Arbeit» für Behinderte

22.01.2009 | Tages Anzeiger | TA | Schweiz

Mathias Widmer ist seit Geburt zerebral behindert. An seinem Geburtstag erhalten Firmen, die Menschen wie ihn integrieren, den «This-Priis». Er selber hatte nur einmal «normale Arbeit».

Bubikon. - Eigentlich wollte Mathias Widmer immer Pöstler werden. Doch nun stapft This, wie ihn seine Familie nennt, am Arm seines Bruders Lienhard durch den Schneematsch zu seinem Arbeitsplatz in der geschützten Werkstatt des Züriwerks in Bubikon. Heute setzen er und seine Kolleginnen und Kollegen winzige Bestandteile von Hörgeräten zusammen. Mathias Widmer braucht dazu eine Speziallampe, denn ihm machen seit seiner Geburt zerebrale Lähmungen und eine starke Sehbehinderung das Leben schwer.

Zum Pöstler fühlt er sich geboren, denn - «ich verstehe mich gut mit den Leuten». Sein Vater, Landarzt in Oberstammheim, schickte seinen ältesten Sohn jeweils mit den Rechnungen von Tür zu Tür. This durfte dafür das Porto behalten. 40 Rappen pro Brief. «Die Leute freuten sich immer sehr, wenn ich klingelte», erzählt er. Das ist einer der längeren Sätzen, die er spricht. Lieber hört er zu, beantwortet Fragen kurz und bündig, denn das Reden fällt ihm schwer. Doch lächelt er oft und weiss sich zu wehren, wenn ihm nicht mehr wohl ist. Mathias Widmers Gruppenleiterin im Züriwerk, die Sozialpädagogin Gisela Murer, sagt von ihm: «Er ist aufgestellt und meist fröhlich. Und vor allem ist er sehr bestrebt, selbstständig zu sein.»

Seine Familie schuf den «This-Priis»

Aber eben: Eigentlich wollte Mathias Widmer Pöstler werden oder sonst eine «richtige Arbeit» haben. Nicht im Heim wohnen, nicht in einer geschützten Werkstatt arbeiten. Vor etwa 15 Jahren rief er bei der Post an und bat um eine Stelle - irgendeine. Doch wogen seine Freundlichkeit, seine Fröhlichkeit, sein guter Wille und auch sein erstaunlich gutes Gedächtnis seine Handicaps nicht auf. Auch bei den SBB und vielen anderen Unternehmen hatte man keine Arbeit für ihn. Zuweilen hörte seine Familie, die ihn bei der Stellensuche unterstützte: Früher, ja, da gab es das noch. Heute aber . . . So desinfiziert er weiterhin Kopfhörer für Fluggesellschaften, drückt Nägel in Kartonschachteln - «immer Nägeli, Nägeli, Nägeli», sagt er.

Die erfolglose Suche nach einer Stelle im ersten Arbeitsmarkt trug aber dennoch Früchte. Mathias Widmers Mutter und seine Brüder schrieben 2005 erstmals einen mit 25 000 Franken dotierten Preis für Firmen aus, welche handicapierte Menschen in den normalen Arbeitsablauf integrieren, den «This-Priis». Das Geld stammt aus dem Erbe, das ihnen der Ehemann und Vater hinterlassen hat. Dazu kommen Sponsorengelder. Verliehen wird der Preis an Mathias Widmers Geburtstag, am 24. Januar. Am Samstag ist es wieder so weit, der vierte «This-Priis» wird vergeben.

Einmal in seinem Leben, vor zehn Jahren, bekam Mathias Widmer tatsächlich eine «richtige Arbeit» - in der Mensa des Seminars und Gymnasiums Unterstrass in Zürich. Er schälte Rüebli, putzte Tische und schöpfte das Essen. Sehr schön sei das gewesen, mit den vielen Leuten zusammen zu sein. Doch machte ihm der Arbeitsweg zunehmend zu schaffen. «Zu viel Trubel, zu viele Autos.» Sodass er vor gut einem Jahr schweren Herzens seine Karriere als «Küchenchef» an den Nagel hängte. «Wir vermissen This heute noch», sagt Ursula Koller, Leiterin Finanzen und Dienste des privaten Instituts Unterstrass. Natürlich sei seine Anstellung mit einem gewissen Mehraufwand verbunden gewesen. Dieser sei aber durch den sozialen Gewinn wettgemacht worden. Lächelnd erzählt sie, wie This den Studierenden die Leviten las, wenn sie ihre Tische nicht ordentlich abräumten. «Das wirkte sofort.»

Die Essenszeit ist ihm am liebsten

Am Samstag wird Mathias Widmer 53 Jahre alt. Im Wohnheim Bubikon ist er ins Stöckli gezogen, und er hat sein Arbeitspensum auf 50 Prozent reduziert, denn seine Augen werden immer schlechter. Die schönste Zeit am Tag sei für ihn «das Essen, am liebsten Schnitzel und Pommes. Ohne Ketchup». Über seinem Bett hängen Medaillen - «fürs Schneeschuhlaufen. Sonig häsch du nöd», sagt er zum Bruder. Und stolz verweist er auf die Urkunde vom Semi Unterstrass: Küchenchef mit Auszeichnung. Doch jetzt wird er unruhig. Es ist Essenszeit. Ein Händedruck und: «Kommt nachher noch vorbei.»

Nun erzählt Lienhard Widmer, der jüngste der drei Brüder und ein kreativer Unternehmer, von der gemeinsamen Kindheit: «Wir drei wuchsen ganz normal zusammen auf.» Vor allem der Mittlere, Martin, habe sich stark um This gekümmert. «Dass dem Doktor sein Ältester behindert ist, war in Oberstammheim kaum der Rede wert.» Er habe sich nie wegen seines Bruders geniert oder zurückgesetzt gefühlt. «Ich habe This einfach von Herzen gern, so wie man einen Bruder gern hat.»

Preisjury hofft auf neue Geldgeber

Lienhard Widmer ist Jurypräsident des «This-Priis» und hat in den letzten Jahren wohl 60 Firmen, die sich selbst nominierten oder von andern angemeldet wurden, näher angeschaut. «Es gibt eindrückliche Beispiele, aber einfach immer noch zu wenige.» Letztes Jahr war beispielsweise die Schreinerer Maag + Takacs aus Russikon unter den Preisträgern, 2007 die Firma SMR Präzisionsmechanik in Affoltern am Albis. Das Geld reicht insgesamt für sieben Auszeichnungen, dann ist Ende «This-Priis». «Ausser es finden sich weitere Familien mit ähnlichen Anliegen, die sich engagieren wollen», fügt Lienhard Widmer hoffnungsvoll hinzu.

Besteckklappern aus dem Essraum unterbricht ihn. Mathias Widmer sitzt mit seinen Mitbewohnern zu Tisch und isst. Braten und Rotkraut. Hat er seinen Traum, Pöstler zu werden, begraben? Er nickt. Was er sich für die Zukunft am meisten wünscht? «Eifach wiiter schaffe.»

www.this-priis.ch; der TA nennt am kommenden Montag die Preisträger 2009

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