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«Unter einer solchen Situation leiden alle, nicht nur die betroffenen Kinder»

09.06.2010 | Tages-Anzeiger | Felix Schindler | Schweiz

Lilo LätzschDas Schicksal des austistischen Buben Julian zeigt: Die Integration behinderter Schüler lässt sich nicht erzwingen. Selbst Befürworter der integrativen Ausrichtung der Volksschule äussern sich heute kritisch.

Eigentlich ist es ein hehres Ziel: Kinder wie der autistische Julian sollen zusammen mit anderen Kinder in eine ganz normale Klasse gehen können. Davon sollte nicht nur Julian profitieren, sondern auch die anderen Kinder seiner Klasse. Als die Zürcher Stimmbürger 2005 mit über 70 Prozent das neue Volksschulgesetz angenommen haben, entschieden sie sich auch dafür, Kinder wie Julian nicht in Kleinklassen zu unterrichten, sondern in der Regelklasse.

«Die Idee ist gut. Aber wir stellen Mängel bei der Umsetzung fest», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands. «Die Macht liegt viel zu sehr bei einzelnen Stellen. Wenn der schulpsychologische Dienst sagt, dass keine Indikation für eine Sonderschulung vorliegt, dann bleibt das Kind in der Regelklasse. Auch wenn der Unterricht durch das Kind praktisch unmöglich wird.»

Lehrer kündigten

So erging es auch Julian: Wenn Julian überfordert ist, hält er sich die Ohren zu, schreit herum und ist kaum mehr ansprechbar. Doch der Schulpsychologische Dienst wollte den 7-Jährigen nicht gesondert schulen, zusätzliche Unterstützung erhielt er ebenfalls nicht – bis die Situation im Mai eskalierte und Julian aus der Schule ausgeschlossen wurde.

«Unter einer solchen Situation leiden alle, nicht nur die betroffenen Kinder, ihre Mitschüler, die Eltern und die Lehrepersonen.» Lätzsch kennt gleich mehrere, die ihre Stellen auf Grund ähnlicher Situationen gekündigt haben. Wie viele genau das sind, lässt sich Ende dieses Jahres zum ersten Mal beziffern.

Resscouren fehlen

Auch der Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik Integras übt Kritik: «Integrative Förderung braucht mehr Ressourcen, als den Schulen jetzt zur Verfügung steht», sagt Mirjam Aebischer. Jetzt erhält eine Klasse zusätzliche Kapazität einer eines Heilpädagogen von durchschnittlich drei Stunden pro Klasse und Woche. «Das reicht bei weitem nicht.»

Für eine erfolgreiche Umsetzung der Integrativen Ausrichtung der Ausrichtung fehlt es laut Lätzsch an allen Ecken und Enden: «Die Weiterbildung der Lehrpersonen wurde vernachlässigt und adäquate Lehrmittel fehlen,» sagt Lätzsch. Und schliesslich fehlten den Schulen die Zeit, um das neue System einzuführen.

«Der Kanton hat das neue Volksschulgesetz innert weniger Jahre umgesetzt», sagt Mirjam Aebischer vom Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik. «Doch Integration ist ein Paradigmawechsel. Das hätte mindestens 20 Jahre gebraucht», sagt Aebischer. «Die Integration behinderter Kinder in die Regelklasse ist ein Generationenprojekt, das geht nicht von heute auf morgen.»

Weiterführender Link zum Artikel:
Erstklässler braucht Begleitung – Schule schmeisst ihn raus
Tages-Anzeiger 07.06.2010

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