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Wenn der Alltag zum Ernstfall wird

20.04.2010 | Tages-Anzeiger | Katrin Hafner | Schweiz

Eine Frau begleitet eine ältere Dame im...Pflegebedürftige Senioren, die zu Hause leben, werden meist vom Ehepartner betreut. Oder von der Tochter. Es gibt aber auch mehr und mehr Männer, die sich um die Eltern kümmern. Ein Sohn erzählt.

Martin Läubli * ist 48 und Journalist. Seine Mutter ist schwer dement. Sie lebt mit ihrem Mann in Obwalden. Das Paar führte 40 Jahre eine Drogerie. «Sie war eine dominante, energische Person», sagt der Sohn. Heute ist sie 83-jährig und kennt seinen Namen nicht mehr. Vor sieben Jahren bemerkte ihr Mann, dass etwas nicht mehr stimmte. Sie konnte sich kaum mehr entscheiden, welches Menü sie wollte. Mit der Zeit wurde klar: Dahinter steckt Demenz.

Aus Angst, die Mutter mit aufwendigen Untersuchungen zu überfordern und mit einer möglichen AlzheimerDiagnose zu belasten, entschieden Sohn und Vater, «dass das Wort ‹Alzheimer› bei uns nicht existiert», wie Martin Läubli erklärt. «Wir leben einfach weiter, wie wenn nichts wäre.» Bald wurde es der Mutter unmöglich, den Alltag zu meistern; die Familie musste nach einer Lösung suchen. Vaters Wunsch: dass sie so lange wie möglich zu Hause lebt.

Das tut sie noch heute – allerdings braucht sie rund um die Uhr Hilfe. Den Grossteil der Hausarbeit, Betreuung und Pflege übernimmt Martin Läublis Vater, heute 85-jährig. «Das ist typisch», sagt der Soziologe François Höpflinger, einer der führenden Schweizer Altersund Pflegeforscher. Die hilfs- und pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz würden am häufigsten vom Ehepartner unterstützt. Fast die Hälfte der gesundheitlich eingeschränkten Senioren erhält – zum Teil zusätzlich – Unterstützung von der Tochter, 29 Prozent vom Sohn. Dabei spricht Höpflinger von einem «neuen Trend»: «Der Anteil erwerbstätiger Männer, die sich um die Eltern kümmern, hat in den letzten Jahren stark zugenommen.»

Den Vater entlasten

Frau Läubli ist sozusagen Nutzniesserin dieses Trends. Eineinhalb Tage verbringt sie in einer Tagesstätte für Demenzkranke, einige Stunden kommt die Spitex und jemand vom Roten Kreuz, am Sonntag öfters Martin Läublis Bruder mit Familie und an zwei Tagen pro Woche er selbst: Wenn immer möglich, ist er von Montagmittag bis Dienstagmorgen und von Donnerstagmittag bis Freitagmorgen da. Wäscht ab, erzählt der Mutter aus seinem Alltag, lässt Musik laufen, zu der sie summt, kutschiert sie im Auto durch den Frühling – für sie ist jeder Ort neu und unbekannt. Wenn sie ihren Mittagsschlaf macht, klappt er seinen Laptop auf. Abends zieht er sie aus, zieht ihr Windeln – Inkontinenz ist ein häufiger Begleiter bei Demenz – und Nachthemd an und bringt sie zu Bett. Manchmal bleibt er im gleichen Raum, damit sein Vater durchschlafen kann, beruhigt sie in ihrer nächtlichen Verwirrtheit; meist aber übernachtet er im Nebenzimmer, stets auf Abruf für den Fall, dass der Vater Hilfe braucht.

Wie hält er diese Nähe aus? «Das war eine langsame Entwicklung; ich brauchte Wochen, bis ich mich überwinden konnte, meine Mutter beim Toilettengang zu begleiten», gesteht der Sohn. Heute ist es Routine. Normal. Er freut sich, wenn seine Mutter, die nicht mehr viel spricht, lächelt und «Danke» sagt, nachdem er sie ins Bett gelegt hat.

Ihre Dankbarkeit und Heiterkeit sind Gründe, warum er gerne hilft. «Ich fühle, dass es eine sinnvolle Aufgabe ist, die mich emotional bereichert und manches relativiert.» Und: «Die Beziehung zu meinen Eltern war nie zuvor so intensiv.» War sie vielleicht schon immer mehr als gut? Anders formuliert: Wie kommt ein berufstätiger Mann in seinen mittleren Jahren dazu, einen beachtlichen Teil seines Lebens mit den Eltern zu verbringen? Er habe sie vor Ausbruch der Krankheit nur alle drei Wochen besucht, sagt Martin Läubli. Später nahm er sich vor, zweimal die Woche vorbeizugehen, «vor allem, um den Vater zu entlasten: Er hat ja keinen Gesprächspartner mehr und kaum eine Minute für sich».

Doch das Hin und Her zwischen Job und Elternhaus stresste, der Rhythmusunterbruch machte ihm zu schaffen: «In meiner Arbeit ist vieles hektisch. Fürs Zusammensein mit der Mutter brauche ich dagegen innere Ruhe.» Die fand er nicht, solange er unregelmässig und jeweils bloss ein paar Stunden in diesen völlig verlangsamten Alltag eintauchte, wo jede Tätigkeit, ja sogar Reden, viel Zeit braucht. Er entschied sich für fixe Betreuungstage.

Elternpflege gilt als Privatsache

Gemäss einer Untersuchung der Kaleidos-Fachhochschule Schweiz leben rund 4 Prozent aller Erwerbstätigen – 160 000 Menschen – mit einer pflegebedürftigen Person im selben Haushalt oder übernehmen Betreuungsaufgaben in anderen Haushalten. Über Elternpflege wird selten gesprochen, sie gilt als Privatsache. Der Anspruch auf drei bezahlte Tage pro Krankenereignis gilt nur für Angehörige kranker Kinder bis 15 Jahre. Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, die nichts bezahlen für die Angehörigenpflege. Hier entrichten zwar einige Gemeinden einen symbolischen Anerkennungsbetrag (in Meierskappel LU beispielsweise maximal 25 Franken pro Pflegetag), in der Regel aber ist die Arbeit unentgeltlich.

So auch bei Martin Läubli. Da er schon vor der Elternbetreuung zu 80 Prozent arbeitete, musste er sein Arbeitspensum nicht kürzen. Die 20 Prozent, die er früher für Weiterbildung und Projekte nutzte, setzt er heute für seine Eltern ein. «Ja, es ist eine hohe Belastung. Und manchmal fluche ich über meinen Eltern-Einsatz: Jetzt sollte ich was anderes erledigen können!» Wieso tut er sich das an? Aus Pflicht- oder gar Schuldgefühl? «Vielleicht ist es altmodisch, aber ich will etwas zurückgeben. Sie haben mich auch zeit meines Lebens unterstützt.»

Was bringt die Zukunft

Was ihn beschäftigt, ist die Zukunft. Wenn es bergab geht mit der Mutter, oder, noch bedrohlicher, der Vater aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kann. Mehr als die zwei Halbtage und zwei Nächte pro Woche möchte Martin Läubli nicht einsetzen; gar zu seinen Eltern ziehen, wie das laut Altersforscher Höpflinger immer mehr erwachsene Nachkommen tun (bereits 2 Prozent), kommt nicht infrage: «Mein soziales Netz ist mir zu wichtig, das wäre zu viel Selbstaufgabe.» Was bleibt als Option? Ein Heimeintritt ist nicht ausgeschlossen, «aber momentan eine schwierige Vorstellung. Denn unser System funktioniert zu gut. Obwohl es jederzeit kollabieren kann.»

In den nächsten 30 Jahren wird sich die Zahl pflegebedürftiger alter Menschen in der Schweiz nahezu verdoppeln. Martin Läubli – kinderlos – fragt sich ab und zu, wie es wird, wenn er selbst alt und pflegebedürftig ist. Und versucht, nicht daran zu denken.

* Martin Läubli ist Redaktor im Ressort Wissen des «Tages-Anzeigers».

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