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Statt Barmherzigkeit forderte sie Rechte für Behinderte

16.12.2011 | Tages-Anzeiger | Res Strehle | Schweiz

Aiha ZempAiha Zemp ist am Mittwoch verstorben. Sie war eine Pionierin der politischen Behindertenbewegung in der Schweiz.

Als Behinderte noch Invalide genannt wurden und auf Almosen von Pro Infirmis und Hilflosengelder angewiesen waren, brach eine Gruppe mit den gängigen Tabus: zu versuchen sich möglichst der Normalität anzupassen, nicht aufzufallen und nicht aufzumucken. Der Club nannte sich CeBeeF, Club der Behinderten und ihrer Freunde. Präsidentin war Aiha Zemp, ausgebildete Medienpädagogin. Die Zeitschrift, die man herausgab, hiess «Puls» und nannte sich «Druck-Sache aus der Behindertenbewegung». Der Bindestrich war wichtig, denn sie wollten Druck machen, damit etwas ging in der Schweiz. Damit sich Behinderte im öffentlichen Raum frei bewegen können. «Wir lassen uns nicht behindern», hiess das Motto.

Aiha Zemp hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, behindert zu werden. Nicht dass sie, wie sie selber sagte, als «Laune der Natur» nur mit Arm- und Beinstümpfen geboren wurde, beschäftigte sie, sondern dass man sie früh in die Normalität gezwungen hatte. Es begann damit, dass sich der Pfarrer in Triengen geweigert hatte, das Kind zu taufen und man sie nicht, wie vorgesehen, nach der Mutter Gottes benannte, sondern nach der Göttin der Barmherzigkeit, Theresia. Dieser Name gefiel ihr nie, denn sie forderte Rechte, nicht Barmherzigkeit.

Prothesen weggeworfen

Mit drei Jahren passte man ihr erstmals Prothesen an, an Armen und Beinen. Nach der Matura warf sie die Prothesen weg und bewegte sich fortan mit ihren Arm- und Beinstümpfen so natürlich, wie das jede tun kann, wenn sie sich der Normalität anpasst. Die Zeitung, die sie mit Gleichgesinnten gründete, ist Legende geworden (dokumentiert in einem neuen Buch im Chronos-Verlag). Und in einem Dokumentarfilm sprachen Behinderte erstmals offen über Liebe und Sexualität («Behinderte Liebe», Marlies Graf, 1977), für die Schweiz damals ein weiterer Tabubruch.

Aiha Zemp promovierte als Psychotherapeutin und arbeitete als Therapeutin und Dozentin. 1991 wies sie erstmals eindringlich auf die sexuelle Ausbeutung Behinderter, speziell Frauen hin. Für das österreichische Frauenministerium arbeitete sie in zwei Forschungsprojekten zu diesem Thema. Ab 2003 baute sie in Basel die Fachstelle Behinderung und Sexualität auf. Wie stark das Thema in der Schweiz bis in die jüngste Zeit tabuisiert wurde, zeigt der im Februar bekannt gewordene Fall eines Berner Heimerziehers. Der Mann hatte Behinderte in Heimen während dreissig Jahren sexuell missbraucht, ohne dass es öffentlich wurde. «Der Fall schockt mich zwar, erstaunt mich aber nicht», meinte Aiha Zemp gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Nach einem Leben als «Karawanserei», das sie von Triengen nach Freiburg, Hausen, Zürich, Ecuador und schliesslich Basel führte, starb Aiha Zemp am vergangenen Mittwoch in Rheinfelden. Sie litt unter unerträglichen Schmerzen, weil die Knochen wegen Osteoporose schwach geworden waren. Vor dem Tod zog sie Bilanz: Einiges habe sie zwar erreicht, meinte sie. Aber noch immer sei es in der Schweiz nicht selbstverständlich, dass sich Behinderte im öffentlichen Verkehr frei bewegen könnten wie in Skandinavien oder den USA.

 

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