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Meinungen - Detail-Ansicht

Den Bock zum Gärtner gemacht

27.08.2010 | ZSL Schweiz | Peter Wehrli | Schweiz

Eine Gruppe von Menschen mit Behinderung...Kommentar zur NZZ Nachricht vom 26.8.2010 "705 zusätzliche Plätze in Invalideneinrichtungen nötig"

Eine dermassen falsche Prognose über den zukünftigen Bedarf an Heimplätzen muss ja zustande kommen, wenn man den Bock zum Gärtner kürt, bzw. dem Institutionenkartell INSOS bei der Erarbeitung des „Behindertenkonzeptes“ zur Umsetzung des Neuen Finanzausgleichs im Institutionenbereich die Federführung überlässt. Dass diese Dienstleister ausschliesslich ihre eigenen Angebote für notwendig erklären, ihre Arbeitsplätze sichern und ihre Stellungen ausbauen wollen werden war abzusehen. Dass sie das auf ihren Druck entstandene Bundesgesetz ISEG nur in diesem einen Sinn interpretieren und zukunftsträchtige, kostengünstigere und darüber hinaus auch menschenwürdigere Alternativen ausblenden würden ebenfalls.

Alternativ Persönliche Assistenz

In der westlichen Welt setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch Menschen mit täglichem Pflegebedarf durchaus integriert in ihrer normalen Umwelt leben können (und wollen!), in dem ihr individueller Assistenzbedarf direkt finanziert wird so dass sie persönliche Hilfe anstellen und ihre Angehörigen entlasten können, dass diese Art der Behindertenunterstützung in der Totalrechnung auch kostengünstiger ist weil die Ressourcen des Umfeldes unterstützt statt durch teure künstliche Parallelwelten ersetzt werden. Nicht zuletzt wegen der Kosteneffizienz, aber auch aus menschenrechtlichen Gründen bemühen sich Staaten wie England, Holland, die USA, Australien und Japan aktiv, Menschen aus dem Institutionen zu holen und mittels persönlicher Assistenz in ihre angestammte Umgebung zu re-integrieren. In ganz Skandinavien werden Heime systematisch geschlossen bzw. gibt es sie gar nicht mehr. Die Tausenden von in Beton gegossenen Heimplätzen werden zum Klotz am Bein, weil deren Aufhebung anderweitig dringend benötigte Ressourcen über Jahrzehnte bindet.

Schadenfreude nicht am Platz

Man könnte schadenfreudig lachen, dass der Kanton Zürich im Gegensatz zu anderen Kantonen, wie z.B. Bern oder Basel, schwer dafür bezahlen wird, dass Regierung und Kantonsrat zu faul war, die Chance zu packen und die nach NFA notwendige Reorganisation des Behindertenwesens auf die Zukunft auszurichten. Heimplätze kosten nicht nur im Bau sondern später im Unterhalt über Jahrzehnte sehr viel Geld. Das Lachen bleibt einem jedoch im Hals stecken, wenn man bedenkt, dass es schlussendlich dann wieder die Behinderten sein werden, die diese unnötig verschleuderten Gelder über pauschale „Sparmassnahmen“ mit ihrer Lebensqualität bezahlen werden – und wenn man an die 10'000 Menschen denkt, die völlig zu unrecht dazu gezwungen werden, ihr Leben getrennt von ihren Familien, Freunden und Nachbarn, gettoisiert mit Fremden zu verbringen, weil administrative Entscheide sie deren Sondermenschenkategorie zugeordnet haben.

 

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