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Meinungen - Detail-Ansicht

Sexueller Missbrauch in den Institutionen

08.03.2011 | ZSL | Peter Wehrli | Schweiz

Eine Männerhand zerquetscht einen TeddybärenDie Schweiz ist erschüttert über den seriellen sexuellen Missbrauch von über 110 Personen durch einen Heimmitarbeiter. Ein Kommentar (erschienen in "Leben & Glauben" und "Sonntag").

Sogar Fachleute die seit Jahren warnten, dass es in Behindertenheimen sehr leicht zu sexuellem Missbrauch kommen kann und entsprechende Untersuchungen forderten – vergeblich! – waren schockiert über das schiere Ausmass des seriellen Missbrauchs an 114 Kindern während 30 Jahren durch „H.S.“ der vor wenigen Wochen endlich aufgedeckt wurde. Allzu schnell und gern werden solche Verbrechen als exotische Taten eines „Monsters“ medial vermarktet. Das ermöglicht allen Beteiligten, die eigene Mitschuld und die eigene Fähigkeit auszublenden, unter entsprechenden Umstände selbst zum Missbraucher zu werden.

Weil das Böse in uns allen genauso angelegt ist wie das Gute, wird Gewalt – mehr oder weniger sexualisiert – jedoch immer und überall dort vorkommen, wo Menschen auf Gedeih und Verderb anderen ausgeliefert und vom Rest der Gesellschaft isoliert sind. An solchen Orten des Grauen gehören Erpressungen, Übergriffe, Manipulation, Gewalt und Missbrauch nicht nur von Seiten der machtberauschten Vertreter der Gesellschaft gegenüber den von ihnen Abhängigen zur Tagesordnung, sondern – im Klima der totalen Repression – insbesondere auch innerhalb der sich spiegelbildlich bildenden Hierarchie der Insassen. Wo Menschen ausser ihrem Körper nichts haben, und sogar dessen Funktionen durch fremdbestimmte Regelwerke kontrolliert werden, ist Sex die Währung, mit der sich die Opfer essenziellen Lebensraum erkaufen.

Ausgerechnet in hoch reglementierten, gegen aussen abgeschotteten, gesellschaftlichen Strukturen wie Gefängnissen, streng religiösen oder militärischen Hierarchien und in den Institutionen wo wir die Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft fern halten ist die Wahrscheinlichkeit am Grössten. Was paradox erscheint ist im Grunde logisch und absehbar: je vehementer und strikter die menschlichen Triebe durch Reglementierung und Kontrolle unterdrückt werden, desto perfider werden sie sich dort ausleben, wo sich die kleinste Lücke auftut – und diese Lücken auch immer finden oder neu erzeugen. Und so machen wir uns alle mitschuldig, wenn wir als Reaktion auf solche Skandale nach immer noch mehr Regelwerken, drakonischen Gesetzen und immer höheren Mauern um die Opfer herum schreien – anstatt die Mauern nieder zu reissen und den Opfern die Macht zu geben, sich zu wehren!

Wer Machtmissbrauch wirklich verhindern will, muss dafür sorgen, dass kein Mensch mehr machtlos ist. Je schwächer und gefährdeter der Mensch, desto stärkere Mittel braucht er, um sich wehren zu können. Wer sexuellen Missbrauch wirklich verhindern will muss die sexuellen Bedürfnisse – der Kinder, der Behinderten, der Gefangenen, genauso wie jener der Betreuer und der Wärter - anerkennen und ihnen Wege der Erfüllung öffnen, die nicht auf der Ausbeutung anderer beruhen.

Seit der Reformation, welche forderte, dass Krüppel – als Zeichen des Wirkens des Teufels – entweder ersäuft oder dann mindestens in „Asylen“ weggesperrt werden, haben wir uns daran gewöhnt, Menschen mit Behinderung als „arme wehrlose, Hilflose“ zu denken und sie „zu ihrem eigenen Wohl zu versorgen“. Weil wir sie hilflos denken, scheint es uns völlig normal, dass wir sie – mit Haut und Haar – in die Hände von anderen Menschen verfrachten: lebenslänglich, ohne Gerichtsurteil und ohne Rekursmöglichkeit. Das Betreuungspersonal möchten wir dann gern, im Kontrast zu den „abverheiten“ Behinderten, als trieblose Heilige sehen, die sich selbstlos dem Wohl ihrer Schützlinge verschrieben haben. Die meisten Kantone überlassen es denn auch gleich den Institutionen, die Reglemente zu schreiben, nach welchen sie sich selber kontrollieren. Ernsthafte Kontrollen durch unabhängige Stellen, Untersuchungen durch Fachleute, freie und nicht von der Institution kontrollierte Gespräche mit den Betroffenen sind nicht vorgesehen.

Sie wären auch nur Notpflästerchen. Seit mindestens 30 Jahren gibt es ganz andere, viel menschenwürdigere Modelle des Umgangs mit Behinderten. In ganz Skandinavien gibt es keine „Heime“ mehr wie wir sie kennen. Menschen mit Behinderung (oder ihre Angehörigen oder Vertrauenspersonen) erhalten das Geld um die benötigten Unterstützungen einzukaufen. Sie leben damit in der Gesellschaft, unterstützt und trotzdem gleichberechtigt, nicht länger hilf- und wehrlos.

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